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Cloudy & Oma Angela: „Sie lehrte mich, dass man sich als Frau nicht für einen Mann klein machen muss“

Cloudy & Oma Angela:

„Sie lehrte mich, dass man sich als Frau nicht für einen Mann klein machen muss“


Meine Großeltern, Oma Angela und mein Opa Günter um genau zu sein, haben lange Zeit in Polen gelebt, wo auch meine Mama und meine Tante zur Welt gekommen sind. Eigentlich sind sie Deutsche, aber das ist eine andere Geschichte, die ein wenig mehr Platz und Zeit bedarf (wir sprechen hier über Enteignung, kulturelle Identität, Flucht, und vieles mehr). Aber meiner Lieblingsanekdote willens bleiben wir hier bei vereinfachten Fakten: Wir befinden uns also bei meiner polnischen Familie in Polen, irgendwann Anfang der 60er-Jahre, als es mich noch nicht gab. Das Leben war hart, aber glücklich, vor allem aber war das Geld knapp und das, obwohl rund um die Uhr „geschafft” wurde. Die Familie lebte in einem schlauchartigen Haus mit rundem Dach. So, wie man es von alten Flugzeughangars kennt. Davor gab es einen kleinen Garten mit allerhand Gemüse und bunten Blumen und die Kinder spielten gerne auf der Straße. Das Leben drehte sich um die Familie und das Überleben. 

Eines Tages fand meine Oma heraus, dass sich das Leben meines Opas noch um etwas anderes drehte. Ein geheimes Laster nämlich, das er offensichtlich im Verborgenen pflegte. Mein Opa rauchte. Und das war etwas, das meine Oma verabscheute. Und wenn meine Oma etwas verabscheute, kam ihr das nicht ins Haus. Sie schimpfte meinen Opa und untersagte ihm das rauchen, immerhin war das Geld doch auch so knapp. Mein Opa entschuldige sich und meine Oma war zwei Tage lang mürrisch. 

Hey Nana - Cloudy & Oma Angela

Wie das aber oft so ist mit Lastern – vor allem jenen, denen im Verborgenen gefrönt wird – ist es gar nicht so einfach, mit ihnen aufzuhören.

Und so hörte auch mein Opa nicht auf zu rauchen, sondern überlegte sich neue Verstecke für seine Zigarettenschachteln. Meine Oma wiederum wäre jedoch nicht die Regentin des Hauses gewesen, wenn sie nicht ein außerordentliches Gespür für Geheimes gehabt hätte. Und so fand sie ziemlich schnell heraus, dass ihr Schimpfen offensichtlich nichts gebracht hatte. Meine Oma ist eine sehr selbstbestimmte und auch bestimmte Frau – und genau so nahm sie sich dieses Themas auch an. 

Eines Freitagabends kam mein Opa wie üblich spät nach Hause. Er hatte über zwölf Stunden gearbeitet, die Woche war lang und hart gewesen und da damals auch samstags gearbeitet wurde, war noch nicht mal der Sonntag in Sicht. Er war müde, ausgelaugt und durchgefroren. Doch als er das Haus betrat, traute er seinen Augen nicht: Der Kamin versprühte wollig warme Hitze, überall leuchteten Kerzen und es duftete köstlich nach Knödeln und Braten und Rotkohl. Meine Oma erschien in einer strahlenweißer Schürze und flötete ihm entgegen, dass er sich setzten solle, die Kinder seien bereits im Bett und er werde jetzt so richtig verwöhnt werden. 

Mein Opa dachte kurz, er hätte sich im Tag geirrt und es wäre Weihnachten, grinste aber über beide Ohren, ließ sich am Esstisch fallen und hielt sich mit einer Hand den knurrenden Bauch. Erst jetzt merkte er, dass er bis auf eine Schnitte Brot noch nichts zwischen die Zähne bekommen hatte. Aus der Küche strömte ein Spektakel an Gerüchen und er konnte sich kaum beherrschen. Was für eine großartige Frau er doch hatte, dass sie sich so um ihn kümmerte! 

Schon kam auch meine Oma aus der Küche geschwebt, schenkte ihm ein Bier ein und stellte eines der beiden silbernen Tabletts mit ebenfalls silberner Servierglocke an ihrem Platz ab. Alles war so festlich! Als sie ihr Tablett lüftete, dachte er, sein Bauch würde vor Glücksgefühlen platzen: Knödel, Rotkohl und Braten, mit extra viel Soße. Genau so, wie er es erschnüffelt und gerochen hatte und genau das, was es sonst nur zu besonderen Anlässen gab.

Meine Oma strahlte bis über beide Ohren. „Und für dich mein Schatz, nur das Allerbeste,” sagte sie und deutete ihm an, auch seine Servierglocke zu lüften. Gesagt, getan – und geschockt: Auf seinem Teller lagen fein säuberlich zerschnittene Zigaretten. Meinem Opa entglitt das Gesicht, meine Oma stieß imaginär in der Luft mit ihrem Weinglas mit ihm an und flötete: „Jeder bekommt das, für das er sein Geld am liebsten ausgibt”, bevor sie genüsslich in ihren Braten biss. 

Es war der Tag, an dem mein Opa nichts zu essen bekam und hungrig ins Bett gehen musste. Es war auch der Tag, an dem mein Opa das letzte Mal eine Zigarette geraucht hatte. Und er war ebenfalls der Tag, an dem meine Oma unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie nicht mit sich scherzen ließ.

Während man oft Pralinen mit Kirschlikör, Bonbons in der Handtasche und Häkeldeckchen mit Omas assoziiert, denke ich zwar auch an ihren Apfelkuchen (der natürlich der beste Apfelkuchen der Welt ist, wie könnte es anders sein), vor allem aber an genau diese Anekdote – und an ihren eisernen Willen, der mir schon als kleines Kind imponiert hatte. Sie ließ sich nicht veräppeln, sie ließ sich nie die Butter vom Brot nehmen und sie stand für das ein, an was sie glaubte. Wenn ihr der Respekt, der ihr gebührte, nicht entgegen gebracht wurde, holte sie ihn sich mit Aktionen wie dieser wieder zurück – und ich war daher auch schon immer von ihrer Selbstbestimmtheit fasziniert. Sie lehrte mich, dass der richtige Partner an der Seite auch eine selbstbestimmte Frau lieben kann und dass man sich als Frau nicht für einen Mann klein machen muss. Meine Großeltern sind das beste Beispiel: Sie sind jetzt seit über 60 Jahren glücklich verheiratet. Die bestimmte Art meiner Oma Angela ist mit der Grund, wieso meine Familie nach Deutschland kommen und ich als Enkelin so glücklich aufwachsen konnte, und dafür bin ich dankbar – und ja, auch für ihren selbst gebackenen Apfelkuchen.

Diese OMAge stammt von Cloudy Zakrocki (34). Zwar ist sie Als VicePresident International Content & Brand Strategy für Refinery29 (ViceMediaGroup) sowas von in Berlin am Start, ihre Heimat im Schwarzwald und die Herzensmenschen in ihrer Familie wie Oma Angela besucht sie aber so oft wie möglich. Weihnachten daheim? Safe! 

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Stephanie & Oma Barbara: „Sie ist die Person, mit der ich mitunter am liebsten telefoniere & am herzlichsten lache”

Stephanie & Oma Barbara:

„Sie ist die Person, mit der ich mitunter am liebsten telefoniere & am herzlichsten lache”


Meine Omi ist jetzt 86 Jahre jung. Ja genau, jung und nicht alt. Denn wenn man Barbara, kurz Bärbel oder Wetti, zuhört, wie sie über Menschen gleichen Alters spricht, dann hört sich das so an, als würde sie da keineswegs dazugehören. Sie lebt 630 km entfernt in meiner Heimatstadt in der Nähe von Stuttgart. Ich in Berlin. 20 Jahre bin ich ums Eck von ihr groß geworden. Immer stand ihre Türe offen. Die Türe in ein Zuhause voller Liebe, gutem Essen und jeder Menge Raum für Blödsinn. Seit ich vor zwölf Jahren wegzog, telefonieren wir nun einmal pro Woche an einem festen Tag. Früher am Sonntag. Seit einem Jahr ist es der Montag. Mal rufe ich an, mal die Omi. Mal sprechen wir nur zehn Minuten, mal zwei Stunden. Daran hat sich auch nach über zwölf Jahren nichts geändert. Die Hauptsache ist, dass wir erfahren, wie es der anderen geht und was in ihrem Leben so passiert. Auf meine Nachfrage hin bekomme ich meist die Antwort eines überzeugten „gut“. Selten beklagt sie sich, ist zufrieden. Und in ihrem Leben passiert zum Glück auch noch einiges.

Seit 26 Jahren lebt sie alleine, doch hat sie noch einige ihrer Lieben direkt um sich. Die Tochter und der Schwiegersohn sind im selben Haus, ein Enkelkind, Freundinnen, Schwager und Schwägerinnen in der selben Stadt. Auch wenn die Aktivitäten weniger werden, so genießt sie es, wenn was los ist, Besuch kommt oder sie mit ihren Frauen ausgeht.  Letzteres passiert niemals ohne Lippenstift.

Hey Nana - Stephanie & Oma Barbara
Hey Nana - Stephanie und Oma Barbara

Gepflegt aufzutreten ist ihr nicht nur wichtig, sondern bereitet ihr auch große Freude. Das gilt nicht nur für sie, sondern auch für ihre Umgebung. Ihr Zuhause ist daher stets hübsch hergerichtet und dekoriert.

Seit neuestem nennt sie einen Rollator ihren treuen Gefährten und auch dieser ist selbstverständlich nur das das stylischste Modell und in Kupfer gehalten. Wenn schon, denn schon. Ihre Freundinnen necken sie oft liebevoll, dass sie schon seit je her die Schönste sein wollte. Ich bin froh über das soziale Netzwerk, welches sie unmittelbar um sich hat und versuche, sie aus der Ferne so gut es geht zu unterstützen und Zeit mit ihr zu verbringen. Je älter sie wird, desto wichtiger ist mir das. Oft hören wir uns daher mittlerweile auch einige Mal mehr in der Woche. Sie ist froh, dass es das Telefon gibt und ich bin es auch. Sie ist die Person, mit der ich mitunter am liebsten telefoniere und am herzlichsten lache. Wenn ich anderen von ihren Sprüchen und Geschichten erzähle, leuchten meine Augen und mir wird immer wieder bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, sie noch an meiner Seite zu haben, mich mit ihr austauschen zu können, über die Vergangenheit und über das Jetzt.

Erst neulich haben wir uns über Geburten unterhalten. Sie hat etwas erzählt und ich habe stutzig nachgefragt: „Und wo war der Opi?“ Da ließ sie mich wissen, dass es früher unüblich war, Männer bei der Geburt an der Seite zu haben. Aus meiner heutigen Perspektive bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Opi bei den Geburten dabei war.

Es ist ein Beispiel von vielen, welches zeigt, dass es sich lohnt genau zuzuhören und nachzufragen, um wertvolles Wissen aufzufangen, welches es ohne sie nicht mehr geben wird.

In diesem Zuge hat sie mir dann auch erzählt, dass sie für die ersten vier Geburten im Krankenhaus war, bei der fünften Geburt dann aber beschlossen habe, dass sie das nun könne und dafür nicht mehr ins Krankenhaus müsse. Mann und Kinder sind zu meiner Uroma und sie hat ihren Sohn, mit Hilfe von Arzt und Hebamme zuhause im Wohnzimmer auf die Welt gebracht.

Über die Jahre durfte ich feststellen, dass je älter ich wurde und je näher ich mir selbst gekommen bin, desto näher sind wir uns nochmals gekommen und desto offener wurde unsere Kommunikation. Ich habe gelernt, einfach zu fragen, egal um welches Thema es geht. Und ich habe das große Glück, dass sie bereit ist, über jedes Thema zu sprechen. Nichts wird ausgeklammert. Auch schmerzhafte Themen dürfen besprochen werden. Ich empfinde das als ein großes Geschenk. Wir weinen dann manchmal und lachen wieder. Doch nicht nur ich ziehe wahnsinnig viel aus unseren Gesprächen, auch für sie ist es immer eine große Freude „ihr Madl“ zu hören. Sie fühlt sich gesehen, hat Spaß einfach aus dem Alltag zu erzählen, erfreut sich an meinem Interesse an ihr, ihrer Geschichte und daran, ihre Erfahrungen weiter geben zu können. Und Erfahrungen hat sie viele gesammelt. Einige davon möchte ich teilen. Denn wenn mich was beeindruckt, dann ist es ihr Umgang mit ihren Schicksalsschlägen und welch lebensfroher Mensch sie trotz allem oder gerade deswegen  ist.

Nur kurze Zeit nachdem sie ihre Heimat in Jugoslawien 1955 verlassen musste, hat sie festgestellt, dass sie schwanger ist. Den Vater ihres Sohnes, den sie geliebt hat, musste sie zurücklassen und konnte ihm nur telefonisch mitteilen, dass sie ein gemeinsames Kind erwarten. Ihren Sohn hat sie die ersten Jahre mit der Unterstützung ihrer Eltern an ihrem jetzigen Wohnort alleine groß gezogen.  Eine schwere Entscheidung, wie sie sagt, denn hätte sie ihrem Herzen folgen können, so wäre sie zurückgegangen. Doch wusste sie nicht, was ihr dann widerfahren wäre und so blieb sie. Ein Glück hat sie nur wenige Jahre später meinen Opi kennengelernt und mit ihm und den vier weiteren gemeinsamen Kinder unsere Familie gegründet. Gearbeitet hat sie trotzdem immer. Zum einen war es ihr wichtig weiter auf eigenen Beine zu stehen. Zum anderen haben sie als Familie das Geld benötigt. Und so sind meine Omi und mein Opi beide arbeiten gegangen. Sie haben unterschiedlich geschichtet, wodurch sich immer einer um die Kinder und den Haushalt kümmern konnte.

Leider hat sie viel zu früh zwei Kinder und meinen Opa verloren. Nachdem plötzlichen Tod ihres damals 25-jährigen Sohnes ist sie gemeinsam mit meinem Opi in Kur und Therapie gegangen. Sie sagt, ohne diesen Schritt weiß sie nicht, ob sie es gemeinsam durch diese Zeit geschafft hätten.
Vielleicht eine Erfahrung die dazu beiträgt, dass sie auch heute stets dafür plädiert, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man selbst nicht weiterkommt. Als mein Opi dann wenige Jahre später verstarb, ist sie der Einladung ihres Cousins nach Amerika gefolgt, um etwas Ruhe und Abstand finden zu können. Und so hat sie mit 61 Jahren das erste Mal ein Flugzeug betreten und drei Monate in Amerika verbracht. Die Frage ob sie englisch konnte, verneint sie: „Aber immerhin habe ich hochdeutsch gesprochen und nicht schwäbisch, so dass andere wenigstens den Hauch einer Chance hatten, mich zu verstehen.“ Scheinbar hat es funktioniert und sie hat es gut über den großen Teich geschafft. Nach einiger Zeit vor Ort habe sie dann etwas englisch verstanden und kann auch heute noch einige Worte. Ob ihr die Zeit gut getan hat, habe ich sie gefragt und sie sagt Ja. Es habe gut getan rauszukommen, auch wenn daheim dann doch alles wieder auf sie gewartet habe. Zehn Jahren nach diesen Todesfällen hat sie aktiv beschlossen, jetzt sei gut. Sie müsse loslassen. Sie erzählt: „Natürlich denke ich an sie und weine auch immer wieder. Aber es musste einfach weiter nach vorne gehen.“

ine weitere ganz besondere Reise hat sie dann 2016 unternommen. Mit 82 Jahren ist sie alleine zu mir nach Berlin gekommen. Sie hat es sehr genossen zu sehen, dass ich es schön habe und Neukölln doch nicht so gefährlich zu sein scheint, wie im Fernseher berichtet wird. Und auch ich habe es sehr genossen, ihr diese Einblicke in mein Leben geben zu können. Mit ihr bin ich in dieselben Cafés oder Restaurants gegangen, in die ich auch sonst gehe. Das gute Brot des hippen Großstadtbäckers hätte sie am liebsten aus dem Restaurant mitgenommen und wahrscheinlich hätten sie ihr auch noch die letzten Scheiben gegeben. Denn wenn sie was kann, dann ist es offen auf Menschen zuzugehen.  Auch als ich sie am Flughafen nach dem Check-in in der Schlange zurücklasse, kann ich das beruhigt tun, denn schon hat sie mit den Leuten um sich herum angebändelt. Sie macht es jedem leicht, sich in ihrer Gegenwart wohl zu fühlen und ist nie um einen Spruch verlegen. Auch dann nicht, wenn sie wie neulich erst zur Untersuchung ihres Herzens im Krankenhaus liegt. Manchmal überrascht sie sich dabei sogar noch selbst. Und so verabschiedet sie sich vom Arzt wie folgt: „Schön, jetzt bin ich wieder überholt. Ich hab ’ne neue TÜV Plakette und bin jetzt kein alter Volkswagen mehr, sondern ein nigelnagelneuer Mercedes.“ Als sie das erzählt lacht sie und sagt: „Ha, wie schnell mir sowas dann aber auch einfällt. Ganz verkalkt bin ich noch nicht.“ Und sie fügt hinzu: „Steffi, also das könnt ich wirklich nicht. Einfach so dasitzen und mit niemandem reden. Auch wenn es nicht immer einfach ist, ohne Humor wird’s auch nicht besser.“

In diesem Sinne hoffe ich mit dem TÜV und guten Genen ausgestattet auf noch viele weitere Jahre des frohen Austausches mit ihr.

Ich werde jede gemeinsame Minute weiterhin ganz bewusst und fest in mein Herz aufnehmen und bin unfassbar dankbar und in tiefem Vertrauen, dass ihre Liebe, ihr Lachen und ihre positive Energie immer ein Teil von mir sein werden.

Auch dann, wenn wir irgendwann mal nicht mehr miteinander telefonieren können. Und das macht mich sehr, sehr glücklich. Omi — ich liebe dich und erhebe ein Glas Ramazzotti auf dich! (Den mag sie nämlich sehr.)

Diese OMAge stammt von Stephanie Brenner, die gebürtige Schwäbin ist  Designerin und Yin-Yoga-Lehrerein in Berlin.

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Jadu & Oma Maria: „Sie möchte fliegen, einmal in ihrem Leben. Also reisen wir nach Sardinien“

Jadu & Oma Maria:

„Sie möchte fliegen, einmal in ihrem Leben. Also reisen wir nach Sardinien“


Vier Jahre ist es her, als meine Oma einen Schlaganfall erlitt. Zum Glück war es nur ein leichter und sie trug keinerlei bleibende Schäden davon. Jedoch war es ein Denkanstoß. Oma war zu diesem Zeitpunkt 81. Ein hohes Alter. Sie möchte fliegen, einmal in ihrem Leben. Diese Möglichkeit bot sich jedoch nie. Zum einen fehlte Zeit und Geld für eine Flugreise, zum anderen pflegte Oma jahrelang ihren bettlägerigen Mann. Ich möchte ihr also diesen Wunsch jetzt erfüllen, solange es noch geht, solange sie laufen kann und nicht wie andere in ihrem Alter, vielleicht den Rest ihres Lebens im Bett verbringen muss. Also fliege ich mit ihr nach Sardinien.

Für mich ist es ein oft erlebter Moment, wenn das Flugzeug abhebt. Für meine Oma ist es das allererste Mal. Ich bin tief berührt, während ich beobachte, wie aufgeregt sie ist, wie sie mit leuchtenden Augen die Wolken von oben betrachtet und sich wie ein kleines Mädchen freut. Diese Reise ist auch für mich die intensivste Zeit, die ich mit meiner Oma bisher verbracht habe. Wir schlafen in einem Zimmer, putzen uns zusammen die Zähne und planen gemeinsam, was wir erleben möchten. Mit dem Mietwagen geht es quer über die wunderschöne, hügelige Insel. Wir halten an, um einer Schildkröte über die Straße zu helfen. Oma staunt über dieses Tier und wir sind froh, dass wir sie in Sicherheit bringen konnten. Wir reden während der langen Fahrten über ihr Leben und über meines und tauschen uns aus.

Hey Nana - Jadu und Oma Maria
Hey Nana - Jadu und Oma Maria

Ich denke über die wütenden Frauen, die noch immer für Gleichberechtigung kämpfen und über Omas damalige Situation nach. „Sittsam, bescheiden und rein“, so sollten Mädchen und Frauen sich verhalten. Schwimmen lernen durften nur die Jungs. Oma kann es bis heute nicht. In der zweiten Klasse schlug ihr der Lehrer auf die Fingerknöchelchen, weil sie nicht singen wollte. 1945 war sie im Alter von elf Jahren mit ihrer Familie mit Pferdekutschen auf der Flucht, übernachtete in Scheunen und hatte kaum zu essen. Mit 18 flüchtet sie aus Angst vor dem eigenen Vater durch einen Hohlgraben aus der DDR in den Westen: Sie ist unehelich schwanger geworden, was damals verpönt war. Doch auch das Jugendamt vor Ort drängt sie, den Vater des Kindes zu heiraten, was sie letztlich tut. Sie ist jedoch unglücklich in dieser Verbindung, weil ihr Mann ihr hart erarbeitetes Geld einkassiert und in Kneipen verprasst. Die Männer durften damals über ihre Frauen bestimmen, sie galten praktisch als Eigentum. Sie entschieden, ob ihre Frauen arbeiten durften und waren auch dazu berechtigt ihre Jobs zu kündigen. Sie zeigt nun also ihrem Mann die monatlichen Lohnstreifen ihrer Arbeitskollegin vor, die weniger verdient als sie und spart die Differenz heimlich in einem Regenschirm, um wieder zurück in die DDR nach Halberstadt zu ihren Eltern zu ziehen.

Mich stimmen die Geschichten aus Omas Leben sehr nachdenklich und traurig.

Oma freut sich für unsere, die hier in Deutschland aufgewachsene Generation, wie frei wir jetzt sind. Dass wir als Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können, lieben dürfen wen wir wollen, lernen dürfen was wir möchten, uns kleiden dürfen, wie wir es mögen. Und dass wir bisher keinen Krieg hier erleben mussten. Sicherlich gibt es noch Ungerechtigkeiten, aber man sollte bei all der Wut, den Demonstrationen und den Kämpfen auch zwischendurch innehalten und genießen, Demut zeigen und zu schätzen wissen, was wir heutzutage alles haben, können und dürfen. Die Freiheit, die viele nicht erleben konnten und können.

Oma ist auf dieser Reise richtig aufgeblüht, man sieht ihr die neue Lebensenergie an. Sie strahlt und zehrt noch heute von den Erinnerungen an Sardinien. Im Flugzeug über den Wolken, bei einem Picknick auf dem Boot, begleitet von Delfinen. Am Strand unter Palmen, mit ihren Füßen im Meer, auch wenn sie nicht schwimmen kann.

Hey Nana - Jadu und Oma Maria

Diese OMAge stammt von der in Berlin lebenden Musikerin Jadu. Sie hat ihr eigenes Musiklabel gegründet und gerade ihr erstes Album „Nachricht vom Feind“ veröffentlicht. Im Oktober geht sie auf Tour.

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Anja & Oma Maria: „Auch mit 107 Jahren lässt man noch Pizza kommen“

Anja & Oma Maria:

„Auch mit 107 Jahren lässt man noch Pizza kommen“


„Wer weiß, wie lange Oma noch lebt“ ist bei uns in der Familie schon seit geraumer Zeit der Standardsatz. 1992 hatte meine alleinlebende Großmutter Maria ein typisches Oma-Alter von 83 Jahren und das Argument, sie könne ja bald sterben, zog noch. Aber nach und nach nahm diese Prophezeiung niemand mehr ernst. Maria fuhr zu dieser Zeit nämlich immer noch jeden Winter nach Spanien und kam wie das blühende Leben zurück. Als sie im Alter von 100 Jahren mit ihrem jüngsten Sohn (meinem Papa) zusammengezogen ist, hatte sie auch wieder die Art von Gesellschaft, die sie sich schon lange wünschte. Aufgrund ihrer Fitness konnten wir sie trotz ihres sehr hohen Alters problemlos in unseren Alltag einbinden. Dass sie aber auch mit 107 Jahren selbst noch eine Hilfe für die Familie sein konnte, möchte ich mit folgender Geschichte über Oma Maria erzählen.

Mein Papa fragte mich mal wieder, ob ich Oma-Sitting bei mir Zuhause machen könnte. Da ich nach der Arbeit gleich zum Yoga wollte, bat ich meinen Freund Nick (damals 33), ob er sich nicht einen lustigen Abend  Maria machen möchte. Klar, er freute sich sogar. Und der Auftrag war ja eh recht simpel, denn nach der Tagesschau kam bei Oma nur noch die Natur-Doku auf Arte…

Als ich also um zehn Uhr abends nach Hause kam, sah ich meinen schlafenden Freund auf der linken Seite des Sofas liegen und auf der rechten meine im Sitzen eingeschlafene Oma. Na, das war ja dann wohl eher ein leichtes Spiel für Nick und ein entspannter Abend für Oma, denke ich. Auf dem Couchtisch lag eine offene Schachtel mit Pizzaresten und eine leere Chips-Tüte. Bier war auch keines mehr im Kühlschrank.

Hey Nana - Anja & Oma Maria
Hey Nana - Anja & Oma Maria

Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, die Beiden haben hier eine richtig lustige Party veranstaltet.

Oma bemerkte mich zuerst und richtete sich blitzschnell auf.
Oma Maria: „Anja-Spätzchen, du bist schon wieder da? Das ging aber schnell.“
Nick: „Oh, ich hab dich gar nicht gehört…“
Anja: „Hattet ihr denn einen schönen Abend?“
Oma Maria: „Oh ja sehr!“ Und grinste über beide Ohren.

Später fragte ich Nick: „Und wie war es? Irgendwelche Besonderheiten?“
Nick: „Nein. Ich habe Oma gefragt, was sie essen möchte und hab Pizza geholt. Dann haben wir gequatscht und ferngesehen. Also alles gut. Kann ich gerne mal wieder machen.“

Papa rief mich am nächsten Morgen an, um mir zu berichten, was Oma Maria ihm auf dem Heimweg erzählte.
Oma Maria: „Also, ich kann das gerne mal wieder machen.“
Papa: „Was meinst du?“
Oma Maria: „Na, auf den Nick aufpassen! Der Arme. Ich kann das wirklich verstehen, dass man nicht gerne alleine ist. Anja hat so viel zu tun, da sollte der Nick abends nicht alleine sein und auf sie warten.“
Papa, erstaunt: „Aha.“
Oma Maria: „Ja, ich habe auch gesagt: Wir lassen Pizza kommen, denn der Junge braucht ja was Richtiges zu essen.“
Papa: „Mensch, Mutter, das ist ja wunderbar. Ich werde Anja gleich sagen, dass sie da nächstes Mal auch auf deine Hilfe zählen kann.“
Oma Maria: „Ja, mach das. Es war auch gar nicht so schwer, denn er ist gleich eingeschlafen.“

Ich liebe diese Geschichte sehr, denn sie hat mir gezeigt, wie unterschiedlich die Ansichten über ein und dieselbe Sache sein können. Oma hat uns damit auch mitgeteilt, wie sie die Situation gesehen hat, und dass sie gerne Aufgaben übernimmt und nützlich ist.

Wir haben ihr natürlich nicht widersprochen oder uns darüber lustig gemacht, sodass am Ende aus dem Oma–Sitting ein Nick-Sitting wurde.

Bis ins hohe Alter von 108 ½ Jahren hat mich Oma Maria gerne überrascht und mir durch unerwartete Situationen immer wieder die Augen geöffnet, ehe sie ihre Augen für immer schloss. Ihre Sprüche und Weisheiten (z.B. „Immer vorwärts gehen, niemals stehen bleiben“) leben in mir weiter. Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil davon sein konnte und ihr Leben im hohen Alter mitgestalten durfte. Oma Maria öffnete durch ihre gesunde Art zu Leben und die positive Einstellung die Herzen der Menschen. Sie gab ihnen den Glauben, dass man sich um das Alter keine Gedanken machen muss. Wenn man neugierig bleibt und sich selbst immer wieder neue Aufgaben im Leben sucht, bleibt es lebenswert.

Unser letztes gemeinsames Projekt war das Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige! – Die unglaublichen Geschichten einer 107–Jährigen“. Es steckt voller Lebensfreude und Humor, und wurde bereits mit großer Resonanz angenommen.  Und ich verrate es gleich, ich habe noch eine Oma, die ist inzwischen auch schon 103 Jahre alt. Oma Mia lebt mit meiner Mutter zusammen und kommt natürlich auch in dem Buch vor. Ich bin jetzt also mit über 40 immer noch ein glückliches Enkelkind (das kleine Anja-Spätzchen) und die vielen Oma Erlebnisse von früher und heute halten mich jung. Und wer weiß, wie lange Oma Mia noch lebt ????

Auch nach dem Tod von Maria leben ihre Weisheiten weiter im Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige”

Auch nach dem Tod von Maria leben ihre Weisheiten weiter im Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige”

Diese OMAge stammt von Anja Fritzsche, sie ist Art Direktorin, Künstlerin, Autorin und Hundmama in Bayern. Ihr Buch „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige!: Die unglaublichen Geschichten einer 107-Jährigen”, erschien 2018 und schaffte es auf die Spiegel-Bestseller-Liste. Die dazugehörige Facebook-Seite „Was macht eine 107 jährige heute“ lebt mit einer tollen Community weiter – auch nach dem Tod von Maria. Aber dafür mit Updates zu Oma Mia.

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Tijan & Oma Marlies: „Sie hat nie den Glauben an sich selbst verloren”

Tijan & Oma Marlies:

„Sie hat nie den Glauben an sich selbst verloren”


Meine Oma Marlies ist 80 Jahre alt. Sie kommt aus Ostpreußen, Rastenburg. Sie ist die jüngste von sechs Geschwistern. Ab dem 25. Januar 1945 war sie mit ihrer Familie sechs Wochen lang auf der Flucht, übers Haff bei -25 Grad Celsius. Sie war damals gerade fünf Jahre alt. Mit 21 Jahren begann sie das Medizinstudium und lernte dabei auch meinen Opa kennen. Die beiden führten gemeinsam eine Praxis für allgemeine Medizin, zogen drei Kinder auf und genießen jetzt ihr Rente mit viel Fahrradfahren und Reisen nach Usedom oder auch mal nach Namibia. Die beiden sind schon 55 Jahre verheiratet.

Ich bin stolz auf meine Oma, weil sie immer ihren Träumen gefolgt ist, nie den Glauben an sich selbst verloren hat und unglaublich witzig und liebevoll ist. Aber lest selbst, coronabedingt habe ich meine Oma für HeyNana am Telefon interviewt: 

Hey Nana - Tijan & Oma Marlies

  • Oma, was sind deine Eigenschaften, auf die du wirklich stolz bist?

    „Ehrlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit, also ich muss nicht andauernd etwas Neues haben und Verantwortung hab ich auch übernommen.“

  • Welche Eigenschaften, würdest du sagen, sind in der heutigen Zeit als junge Frau relevanter als zu der Zeit, als du eine heranwachsende Frau warst?

    „Also da hab ich nicht viel. Sprachen sind wichtig heutzutage, dass eine junge Frau einen Beruf hat und Computerwissen.“

  • Welche Eigenschaft siehst du von dir in mir und was hast du von mir gelernt?

    „Da kriegst Du ein großes Lob. Du bist fleißig, ehrlich, herzlich, gefühlvoll, respektvoll, sport- und tanzbegeistert. Du bist so gelassen, während ich so schnell in die Luft gehe. Das inspiriert mich an Dir.“ (lacht)

Was sind die prägenden Ereignisse im Leben gewesen, die dich zu der Frau gemacht haben, die du heute bist?
„Da fällt mir nur Flucht und Vertreibung ein, das hat mein ganzes Leben, meinen Werdegang beeinflusst. Ich war zielstrebig und bin einfach vorwärts gegangen ohne rechts und links zu gucken.“

Welchen Stellenwert haben junge Frauen heutzutage in unserer Gesellschaft deiner Meinung nach?
„Die sollten einen sehr hohen Stellenwert haben, weil sie meistens mehr leisten müssen als die Männer und trotzdem nicht die gleiche Anerkennung kriegen und das ist ganz schön hart. Frauen können nicht mehr auf Männer setzen, dass sie sie ein Leben lang versorgen. Der Opa hat gesagt, dass das eigentlich sein müsste, weil wenn man Kinder großzieht, kann man eigentlich nicht den gleichen Stellenwert erreichen wie ein Mann und dann hat man im Alter halb so viel Rente. Insofern schneiden Frauen schlechter ab.“

Welche Werte sind in der Gesellschaft verloren gegangen und welche Werte sind in der Gesellschaft dazu gekommen?
„Ich finde, heute werden nicht genug Bücher gelesen, dann gehen alle Essen und kochen nicht mehr. Keiner singt mehr, wir haben damals die ganzen Volkslieder gekonnt. Dazu gekommen sind die Telefonitis, Computersucht und Radikalität und nicht so viel Respekt gegenüber den Alten. Und heute wird zu viel und zu schnell Neues gekauft. Das hat sich verändert in der Gesellschaft. Wir haben früher die Sachen viel länger gebraucht.“

Welche Ratschläge möchtest du mir als junge Frau ans Herz legen?
„Lern einen Beruf, spare in der Zeit, so hast du in der Not. Iss mal wieder ein bisschen Fleisch das braucht der Köper für die Gesundheit. “ (lacht)

Würdest du noch einmal so jung sein wollen wie ich?
Das ist ein bisschen schwer zu beantworten. Der Opa hat heute gesagt, der Frühling riecht so gut. Ein bisschen Leben möchte ich schon. Aber ob ich nochmal so jung sein möchte wie du? Das glaub ich nicht, es wird alles unpersönlicher und schwieriger und der Klimawandel gefällt mir nicht.

Tijan Hey Nana

Links mein Tascheninhalt, rechts Omas Tascheninhalt: Eigentlich gar kein so großer Unterschied, nur aus dem Adressbuch wurde ein Handy mit Kopfhörern.

Die OMAage stammt von der Berliner Schauspielerin Tijan Marei (22), u.a. bekannt aus der Serie „4Blocks“. Für ihre erste Filmhauptrolle in der ARD-Produktion „Ellas Baby“ wurde sie 2017 für den Hessischen Filmpreis als „Beste Schauspielerin“ nominiert. Ende September 2019 war sie im ARD-Quotensieger „Nachts baden“ neben Maria Furtwängler zu sehen sowie in der Jugendserie „DRUCK“. Auch international hat Tijan bereits Erfahrungen gesammelt: Mit Julie Delpy spielte sie im Kinofilm „My Zoe“, außerdem stand sie mit Dame Judi Dench und Carla Juri für den englischen Film „Six Minutes to Midnight“ vor der Kamera.

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Ludivine & Oma Fanny: Grand-mère und mich trennen 1400 km, aber sie ist nur ein Videoanruf von mir entfernt

Hey Nana - Ludivine & Oma Fanny

Ludivine & Oma Fanny:

„Grand-mère und mich trennen 1400 km, aber sie ist nur ein Videoanruf von mir entfernt“


Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch sehen kann ich sie, wann immer ich will. Ein Klick genügt und sie strahlt über meinen ganzen Bildschirm. Skype benutzt sie schon lange bevor ich überhaupt davon wusste und eine ihrer WhatsApp-Nachrichten bringt mein gesamtes Umfeld aus der Fassung, die nicht glauben können, dass meine französische Oma ein wahres technisches Genie ist. Fotos, Videos und Erinnerungen sind, seit es möglich ist, bei ihr digitalisiert und wenn das Telefon läutet, ist es meistens eine ihrer Freundinnen, die dringend einen technischen Rat benötigt. Sie ist der Beweis dafür, dass die richtige Nutzung von sozialen Medien ein Geschenk an uns alle ist. Es wäre natürlich gelogen, würde ich behaupten, ich würde nicht lieber einmal übers Feld spazieren, um dann gemeinsam eine ihrer berühmten tarte aux abricots essen und mit ihr über den Sinn des Lebens philosophieren. Aber wenn mir danach ist, ist sie trotz örtlicher Entfernung nur ein Videoanruf von mir entfernt – und das macht es zumindest ein Stück weit gut.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch unendlich viel verbindet uns. Sie ist für mich nicht nur der Ursprung meiner französischen Wurzeln, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes der Anker unserer 19-köpfigen Familie. Als Superheldin mit vier Töchtern ist sie wahrscheinlich ein Vorbild für viele, wie man bei einem Familientreffen alle satt und bei Laune hält. Ihr größtes Glück liegt darin, wenn die gesamte Familie in ihrem süßen Garten in Saint Malo (Bretagne) bei einem Apéritif auf das Leben anstößt. Und wenn sie gerade mal nicht zuhause ist, schlägt sie ein paar Bälle auf dem Golfplatz, schwimmt eine Runde im Meer oder sitzt schon im nächsten Zug oder Flieger. Egal ob nach Amerika, Japan, die Karibik oder Deutschland. Um Ihre Familie zu sehen ist ihr kein Weg zu weit.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch was sie mich gelehrt hat, ist – schon lange bevor ich es selbst verstanden habe (wenn man es überhaupt verstehen kann) – dass das Leben aus Höhen und Tiefen besteht. Nur der Wechsel ist beständig und manchmal hat man eben das Gefühl, dass alles genau so läuft, wie es gerade nicht laufen soll. „Un mal qui sert a bien.“ (wörtliche Übersetzung: „Etwas Schlechtes, was dem Guten dient.“) Das ist wahrscheinlich der Satz, den ich am häufigsten von grand-mère gehört habe. Was uns diese Worte letzten Endes sagen? Alles ist ok und gleichzeitig auch wichtig, damit Platz für was Neues ist – was Besseres, was Schöneres. Und wahrscheinlich ist es auch der Satz, den ich selbst noch an meine eigenen Kinder und Enkel weitergeben möchte.

Grand-mère und mich trennen 1400 km. Doch nah bei mir hätte ich sie gern jeden Tag.

Diese OMAGE stammt von Ludivine Aubry. Als zugezogene Berlinerin und Mitarbeiterin einer therapeutischen Beratungsstelle für Musiker*innen studiert sie gerade Psychologie im Master. Bis Sie sich Ihren Traum einer eigenen Praxis erfüllt, singt und tanzt sie durchs Leben, produziert einen Podcast und folgt ihrem Impuls, sich im Schreiben und Texten kreativ auszuleben.

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Naya & Oma Marianne: Vielleicht ist sie die erste Frau, die sich mit Mitte 70 ein Tattoo stechen ließ?

Naya & Oma Marianne:

„Vielleicht ist sie die erste Frau, die sich mit Mitte 70 ein Tattoo stechen ließ?“


Die meisten Großmütter wünschen sich ja, dass ihre Enkel*innen sie regelmäßig anrufen. Bei uns ist es andersrum. Ich warte jeden Sonntag auf den Anruf meiner Omi. Ich habe den angeordnet und wenn sie mal nicht anruft, bin ich erst besorgt und dann – wenn nichts Besonderes ist – beleidigt wie ein kleines Mädchen.

„Meine Omi hat kein Ablaufdatum, sie ist unsterblich“ heißt es in dem cheesy Rap-Schlager, den ich damals für sie aufnahm und ihr in Form einer aufwändig gestalteten Maxi-CD zum 70. Geburtstag schenkte. Meine Omi tanzt gern, sie singt gerne und sie mag es heiter und lustig. Manchmal, wenn sie traurig ist, geht sie ins Wohnzimmer und schiebt die CD mit dem Song in die alte Anlage. Er macht sie wieder fröhlich. Das habe ich mir gewünscht, als ich ihr dieses Geschenk machte. Ich möchte, dass sie viel zu lachen hat. Und dafür mach ich gerne albernes Zeug.

Großeltern versetzen ihre Enkel*innen oft ungewollt in eine Art nostalgischer Infantilität. „Bei meinem Opa werde ich jedes Mal wieder zur kleinen Pipi Langstrumpf“, sagte letztens eine Bekannte zu mir. Und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Vielleicht hat meine Oma auch deshalb kein Ablaufdatum. Mein Pipi Langstrumpf-Ich will immer noch nicht daran glauben, dass sie schon bald nicht mehr da sein kann. Und tatsächlich macht mir nichts mehr Angst.

Großeltern versetzen ihre Enkel*innen oft ungewollt in eine Art nostalgischer Infantilität. „Bei meinem Opa werde ich jedes Mal wieder zur kleinen Pipi Langstrumpf“, sagte letztens eine Bekannte zu mir. Und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Vielleicht hat meine Oma auch deshalb kein Ablaufdatum. Mein Pipi Langstrumpf-Ich will immer noch nicht daran glauben, dass sie schon bald nicht mehr da sein kann. Und tatsächlich macht mir nichts mehr Angst.

Hey Nana - Naya & Oma Marianne

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Hey Nana - Naya & Oma Marianne

Ich bin ein Omi-Opi-Kind. Meine Großeltern haben mich mit großgezogen, da meine Eltern noch sehr jung waren.

ie haben alles mit und für meine drei Geschwister und mich getan. Ich nenne es den „Enkel-Luxus“. Und dabei geht es nicht um die aufwendig versteckten 5-Euro-Scheine in Obstkisten oder hinter Rubbellosen und auch nicht um die „Dulli-Kiste“, gefüllt mit gesundem und deshalb leider kinderunfreundlichem Bio-Süßigkeiten. Nein – es geht um die Zeit, die sie für uns geopfert, die Freunde, die sie für uns zurückgelassen, den Tennis- oder den Kegelclub, den sie für uns verlassen haben und die G-Klasse, die sie sich als Rentner unseretwegen nicht kaufen können. Bei letzterem geht es mehr um Geld als um Zeit. Dazu muss ich sagen, dass ich ein für unsere Verhältnisse besonders teures Kind war mit bestimmt 5 verlorenen Turnbeuteln pro Woche, 3 im Bus liegen gelassenen Schwimmtaschen im Monat, zahlreichen Rücktransporten wegen Heimweh im Jahr und einer wirklichen mühsamen Dekade ins Erwachsenenalter. Ätzend, aber ich wurde dennoch geliebt.
Meine Großeltern haben alles für uns getan und das, obwohl es in den meisten Zeiten alles andere als leicht war. Sie haben auch dafür gesorgt, dass wir so wenig wie möglich merken, wie schwer es eigentlich ist. Auch wenn ich manchmal jetzt im Nachhinein lieber das Große Ganze gesehen und mich dementsprechend verhalten hätte, verstehe ich, dass sie uns beschützen wollten. Sie kommen aus einer anderen Zeit, waren Flüchtlinge und mussten sich hier ein neues Leben aufbauen. Sie hatten diese sorgenfreie Kindheit nicht.

Ich rede von meinen Großeltern, obwohl das hier „Hey Nana“ heißt. Aber meine Omi ist schwer zu trennen von meinem Opi. Sie sind – ohne Floskel-drop – ein Herz und eine Seele und die besten Freunde für’s Leben. Ohne „Schieter“ geht’s eben nicht. „Wenn Opi mal zu lange im Keller ist oder ich nicht weiß, wo genau er im Haus ist, vermisse ich ihn schon“, sagte Omi gerade erst gestern an ihrem 55. Hochzeitstag als mein Bruder sie fragte, wie das denn so sei nach 55 Jahren Ehe.

Aber so sehr ich meinen Opa auch bewundere für seine unnachahmliche Art, sein familiäres Lebenswerk und dafür, dass er IMMER NOCH für meine Familie arbeitet – meine Omi ist eine Frau und hat für mich als selbsternannte Feministin als eben solche einen besonderen Respektstein in meinem Herzen.

Sie hatte wegen, nennen wir es mal „männlicher Machtasymmetrien“, keine schöne Kindheit.

Deshalb ist sie mit 18 von Zuhause abgehauen und hat sich ein Zimmer genommen. Sie hat so hart gearbeitet, dass sie bald die Einkaufsabteilung der Norddeutschen Lederwerkstätten leitete. Hallo? Wie super? Hätte sie dann nicht einen Mann kennengelernt, den sie wirklich liebt, wäre sie auch nicht Mutter geworden. Da bin ich mir sicher.
Heute ist meine Omi eine wirklich herausragend gut gekleidete Dame mit Anstand, Stimme und ordentlich Power, für die kein Weg zu weit und kein Gedanke undenkbar ist. Übrigens auch keine Taten unmachbar – letztes Jahr hat sie sich mit uns Frauen aus der Familie tätowieren lassen. Vielleicht ist meine Omi die erste Frau der Welt, die sich mit Mitte 70 ihr erstes Tattoo stechen lassen hat? Wer weiß. Ich war unfassbar stolz.

Manchmal, wenn ich mit meiner Omi telefoniere, merke ich, wie sie nicht ausreichend stolz auf sich ist und vielleicht sogar Dinge bereut. Das macht mich dann traurig, weil ich sie so wunderbar finde. Aber dann denke ich an die ganzen relativen Freiheiten, die wir Frauen heute haben und die Einflüsse, die dadurch auf eine Frau wie meine Omi einwirken. Ich denke an Überforderung in einer viel zu schnell gewordenen Welt. An unerfüllte Träume und ungelebte Fantasien. An alte Grenzen und viele eingegangene Kompromisse. Ich verstehe sie dann besser. So gut ich es eben schon kann. Und andersrum versucht sie, mich zu verstehen. Und mit mir meine Generation: „Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist mit all diesen Geräten und dem Internet und all den vielen Möglichkeiten.“ Nein, ist es nicht. Und ich wünsche mir, dass meine Omi mich weiterhin nicht dafür verurteilt, dass ich genau wie sie zwischendurch überfordert bin mit alldem. Noch viel mehr wünsche ich mir aber, dass sie anerkennt, dass sie viele kleine und große Entscheidungen im Leben getroffen hat, die sie zu einer bemerkenswerten Frau machen und zu einem wirklichen Vorbild – vor allem für meine Geschwister, meine Freund*innen und allen voran mich.

Hey Nana - Naya & Oma Marianne: Vielleicht ist sie die erste Frau, die sich mit Mitte 70 ein Tattoo stechen ließ?

Heute ist Sonntag und sie wird mich noch anrufen. Ich frage sie dann, was sie an mir mag und was sie mir für mich wünscht.

Sie hat angerufen und ich muss nicht beleidigt sein. An mir mag sie am liebsten, dass ich mir meine Fröhlichkeit bewahre, egal wie schwierig es ist, dass ich immer einen Weg finde, der mich weiterbringt und mich aus alles schweren Situationen immer wieder erfolgreich rausmanövriere. Ja, das hab ich von Omi – und ihrer Tochter, meiner wunderbaren Mama. Sie wünscht mir, dass ich mich nicht abhängig mache und immer meinen Weg gehe. Keine Sorge, sage ich. Und auch da scheint es Parallelen zu geben, denn zum Schluss frage ich sie, was sie sich für sich wünscht: „Selbstständig bleiben so lange es geht. Keine Putzfrau, keine Pflege. Ich will das alleine schaffen.“  Ich habe keine Zweifel.

Diese OMAGE stammt von der Hamburger Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Social Media Editor Naya Bindzus. Sie stand früher als Naya Isso auf der Bühne, entschied sich jedoch für eine Leben im Off – für ihre Familie und einen besseren Schlaf.

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Nike & ihre Omas: Mit Weisheit und Ruhe lassen meine Großmütter ihre Männer sie selbst sein

Nike & ihre Omas:

„Mit Weisheit und Ruhe lassen meine Großmütter ihre Männer sie selbst sein”


Ich glaube, dass ich selten Paare gesehen haben, die bis heute noch so verliebt wirken, wie die Eltern meiner Mutter und die meines Vaters – sprich meine Großeltern. Dieses Funkeln in den Augen meiner Großmütter, wenn sie ihre Liebsten angucken und dann in alten Geschichten schwelgen: „Ich war damals 16 als ich Opa kennenlernte und ich war ja eigentlich einem anderen versprochen.“ Wie als wäre sie immer noch immer 16, strahlt die Mutter meiner Mutter. Kommendes Jahr feiern wir die Diamantenhochzeit der beiden, wie ich fälschlicherweise annahm. „Nike, das ist die Eiserne, die Diamantenhochzeit haben wir doch längst hinter uns“, lacht mein Großvater. „Und kommst du zur Feier?“ Na selbstredend, dieses Fest kann ich mir doch nicht entgehen lassen.

Hey Nana - Nike & ihre Omas

Ich verbringe sehr viel und sehr gerne Zeit mit meinen Großeltern.

Vor einigen Jahren hatte meine Großmutter mütterlicherseits einen Schlaganfall. Sie hatte fast ihr gesamtes Sprachgedächtnis und ihre Mobilität verloren und es folgten kleine Schübe weiterer Schlaganfälle. Zeitweise stellten wir uns alle darauf ein, dass ihr Zustand sich nicht verbessern würde. Nicht mit meiner Oma! Mit der größten Hingabe und Unterstützung meines Opas, lernte und lernte sie unermüdlich, setze sich vor Kreuzworträtsel, ging zur Gymnastik und machte kleine Lernspiele mit meinem Opa. Und heute? Ist sie 82, geht spazieren und redet wie ein Wasserfall. „Nur backen tue ich nicht mehr so gerne. Das ist mir alles etwas zu viel“, sagt sie leicht verlegen. Na ja – das hat sie auch genug. Für vier Kinder und daraus entsprungenen acht Enkelkindern hat sie in ihrem Leben, denke ich, an die 2000 Torten gebacken. „Fliegt ihr eigentlich noch?“, wollte ich neulich wissen. „Ja klar, nach Portugal im Herbst.“ erzählt meine Oma. Das hätte ihnen in den letzten Jahren von allen Reisen am besten gefallen.

Reisen tun die Eltern meines Vaters auch gerne. Wenn ich manchmal zusammenzähle, was ich alles gesehen habe, dann gibt es definitiv immer zwei Menschen, die noch eine ganze Menge mehr gesehen haben. Alleine in diesem Jahr waren meine Großeltern in Marokko, Córdoba, Sevilla, demnächst geht es nach Lissabon und mit dem Schiff nach Mallorca. Die Idee hatte mein Opa neulich, als er beim Einkaufen einen Reisedampfer entdeckt hat. „Wir sind doch schon so oft dahin geflogen.“ Beide haben viele Jahre auf Mallorca gelebt. Wahrscheinlich haben sie mir auch das Entdecker-Gen vererbt. Wenn man durch die Wohnung meiner Großeltern läuft, findet man überall Schätze von ihren Reisen – ein Bild aus Sri Lanka, ein Teppich oder eine Vase aus der Ferne. Von der Vase hätte meine Oma gerne zwei, sagte sie mir neulich. „Dann hätte ich daraus Lampen gemacht.“ Interieur ist eine ihrer Spezialitäten. Mode eine zweite – sie ist wahrscheinlich die modebewussteste und am besten angezogene Oma, die ich je getroffen habe. Fast jedes Mal, wenn ich sie besuchen komme, schenkt sie mir eines ihrer Vintagestücke. Ich freue mich natürlich riesig, noch mehr freut sich aber meine Oma, dass mir die Sachen so gefallen. Selbstlosigkeit. Etwas, dass ich mir von ihr abgeschaut habe und ein Leben lang nicht verlernen möchte – sich darüber freuen, wenn sich andere freuen. „Was soll ich denn mit den ganzen Sachen.“ Was für meine Oma als selbstverständlich erscheint, erkennen manche Menschen gar nicht oder erst sehr spät in ihrem Leben.

Neulich hat mein Vater meinem Opa einen neuen Laptop und ein Tablet mitgebracht.

„Oje, Nike, jetzt habe ich ihn an seinen Online-Skat-Freund verloren.“ Meine Oma verdreht ihre Augen. Ich gucke in den Bildschirm und sehe einen vollbauchige Comicfigur, die uns herausfördern angrinst. Und in der Tat – die Aufmerksamkeit meines Großvaters ist an dem Abend sehr verhalten. Online-Skat macht natürlich auch Spaß. Anstatt jedoch genervt zu sein, schüttelt meine Oma nur lachend den Kopf: „Möchtest du noch ein Stück Mandeltorte?“ Na klar.

Oje, Nike, jetzt habe ich ihn an seinen Online-Skat-Freund verloren.“ Meine Oma verdreht ihre Augen. Ich gucke in den Bildschirm und sehe einen vollbauchige Comicfigur, die uns herausfördern angrinst. Und in der Tat – die Aufmerksamkeit meines Großvaters ist an dem Abend sehr verhalten. Online-Skat macht natürlich auch Spaß. Anstatt jedoch genervt zu sein, schüttelt meine Oma nur lachend den Kopf: „Möchtest du noch ein Stück Mandeltorte?“ Na klar.

Was ich aber vor allem möchte, ist niemals zu vergessen, mit wie viel Respekt sich meine Großeltern begegnen. Mit welcher Weisheit und Ruhe meine Großmütter ihre Männer sie selbst sein lassen. Egal, wie stürmisch die Zeiten, wie voll oder wie leer die Konten waren, wie viele Kinder um sie herumwuselten – der Blick war immer auf dem, was da war und nicht auf dem, was fehlte. Immer an das Beste glauben, erfinderisch sein und immer im Vertrauen bleiben. „Nike, der Glaube hat uns all die Jahre getragen“, sagt der Vater meiner Mutter. „Ich glaube an nichts“, sagt mein anderer Opa. „Doch, ich schon.“ erwidert seine Frau. Glaube hin, Glaube her – egal an was oder wen sie glauben – irgendeine Kraft, eine tiefe Verbundenheit, ein Wille, eine Entschlossenheit hält sie seit Jahren fest zusammen und lässt sie glücklich gemeinsam durchs Leben wandern.

„Wie dankbar ich sein kann“, denke ich, während ich an dem besagten Abend meine Mandeltorte aufesse und mich langsam darauf vorbereite, mich auf den Weg und vollgefuttert in mein Bett zu begeben.

Hey Nana - Nike & ihre Omas: Mit Weisheit und Ruhe lassen meine Großmütter ihre Männer sie selbst sein
Hey Nana - Nike & ihre Omas: Mit Weisheit und Ruhe lassen meine Großmütter ihre Männer sie selbst sein

Diese OMAge stammt von der in Berlin lebenden Schauspielerin und Kreativdirektorin Nike Martens.

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Gianna & Oma Nova: Unser Familiensinn zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen

Gianna & Oma Nova:

„Unser Familiensinn zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen“


Wenn man meine Oma fragt, wie es ihr geht, antwortet sie stets: „Gut. Unkraut vergeht nicht!“ Als Kind konnte ich mit dieser Antwort nie wirklich viel anfangen. Von einer Metapher hatte ich noch nie was gehört und Unkraut war für mich, auch wenn ich von Botanik bis dato nie viel verstand, klar definiert: Hierbei handelt es sich um eine störende, unerwünschte Pflanze. Attribute, die für mich so gar nichts mit meiner Oma zu tun hatten. Die Gegenwart meiner Oma war stets erwünscht, um nicht zu sagen förmlich herbeigesehnt. Am aller liebsten verbrachte ich Zeit bei ihr und meinem Opa in Hannover – meinem ganz persönlichen Schlaraffenland. Hier war das Federbett fluffiger als bei Frau Holle, die Zimmertemperatur perfekter als in jeder Bio-Sauna und das „Tages-Menü“ stellte für mich jede Sterneküche in den Schatten: Milchreis, Pfannkuchen und die weltbesten Marillenknödel.

Das Schöne: Es schien immer so, dass all das meiner Oma genauso viel Freude bereitete wie mir, denn für meine Oma war, ist und bleibt Familie immer das Allerwichtigste – wenn es uns gut geht, geht es ihr gut. Und natürlich umgekehrt, denn der Familiensinn zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen – von meiner Oma, über meine Mama, bis hin zu meiner Schwester und mir.

Hey Nana - Gianna & Oma Nova

Meiner Oma ist es wahrhaft wichtig, dass wir all die Möglichkeiten und Chancen wahrnehmen, die ihr und dem Gros ihrer Generation verwehrt blieben.

Über jeglichen Abschluss meiner Schwester und mir – von der Grundschule, übers Abi, bis hin zur Uni – freut sich unserer Oma mindestens genauso sehr wie wir. Auf jeder Reise begleiten uns ihre guten Wünsche garniert mit einer Dose ihrer leckersten Plätzchen – damit ihre Weltenbummler-Enkelinnen die Heimat nicht vergessen! Sie hat ihren Frieden mit ihrer persönlichen Geschichte gefunden und freut sich umso mehr, dass sie durch uns und unsere jeweilige Geschichte vieles doch noch erlebt, lernt und entdeckt. Kurzum – sie unterstützt uns stets mit all ihrer Kraft. Und das heißt was, denn meine Oma ist unglaublich stark. Sie ist nicht nur mit einem besonders starken Willen ausgestattet, den sie mir definitiv vererbt hat, sondern ist eine Anpackerin der Superlative. Nie war sie sich für irgendetwas zu schade. Wichtig war jedoch stets, dass sie immer, egal welcher Arbeit sie auch nachging und um es in ihren Worten zu sagen: „ordentlich aussieht“! Bluse und Frisur sitzen stets. Keine Falte, kein Fleck, kein aus der Reihe tanzendes Haar. Kopf schüttelnd verzweifelt sie daher stets über den Status quo meiner Socken. Und während ich diese Worte schreibe, höre ich ihre Stimme im Ohr: „Oben hui und unten pfui. Kind so geht das nicht!“ Und bevor ich mich versehe, ist das Loch gestopft und ich wieder salonfähig.

Meine Oma ist, unschwer zu erkennen, nie um einen Spruch verlegen – weder heute noch damals.

Meine Oma ist 1930 geboren. Ihr Elternhaus war frei von jeglichen Nazi Repliken. In den eigenen vier Wänden wurde kein Blatt vor den Mund genommen und ihre Eltern artikulierten klar, was sie von Hitler hielten: nichts! Als meine Oma einmal als Kind mit ihrer Mutter in der Bahn fuhr und zwei SS-Offiziere samt Reichsfahne hinzustiegen, musterte sie diese, als sähe sie die Flagge zum ersten Mal. Verwundert wurde sie daraufhin von den Nazis gefragt, ob sie denn zu Hause nicht „Heil Hitler!“ sagen würden. Während ihre Mutter, wartend auf die Antwort, tausend Tode starb, antwortete meine Oma unverblümt: „Nein, wir sagen Heil Mama!“

Wenn ich meine Oma heute frage wie es ihr geht, bekomme ich nach wie vor die gleiche Antwort: „Gut. Unkraut vergeht nicht!“ Heute kann ich jedoch weitaus mehr mit ihrem Replik anfangen. Und das nicht nur, weil es mir mittlerweile gelungen ist, die metaphorische Bedeutung zu dekodieren. Nein, heute weiß ich bedeutend mehr über meine Oma und auch wenn sie für mich immer die Hüterin des Schlaraffenlands bleibt, ist sie so viel mehr als das. Sie ist stark wie Edelweiß, tapfer wie eine Iris, stolz wie eine Hortensie, mutig wie eine Pfingstrose, fürsorglich wie ein Stiefmütterchen, treu wie Gänseblümchen und sie ist von nichts und niemandem kleinzukriegen. Genauso wenig wie Unkraut. Kurzum – meine Oma ist für mich das perfekte Bouquet!

Diese OMAge stammt von Gianna Main. Das Hamburger Deern lebt mittlerweile, genau wie ihre Oma Kläre (genannt Oma Nova) in Berlin. Gianna ist Gründungsmitglied der zivilen Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE. Sie leitete bei Lemonaid und anschließend bei Musik Bewegt, den Bereich Events & Kooperationen und arbeitet mittlerweile selbstständig als Marketingberaterin für NGOs und Social Businesses.

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Ira & Oma Gertrud: Trotz der Herausforderungen für Senioren im Alltag strahlt sie Zufriedenheit aus

Ira & Oma Gertrud:

„Trotz der Herausforderungen für Senioren im Alltag strahlt sie Zufriedenheit aus”


„Ein Wort wie ‚Ozon‘ gab es damals nicht“, erzählt mir Oma Gertrud bei einem Besuch zum Kaffee – ein Samstagnachmittag, Punkt 15 Uhr, in einem wirklich kleinen Dorf im Siegerland. Es gibt lauwarmen Pudding-Streuselkuchen und heißen, aufgebrühten Filterkaffee. Wir haben uns natürlich nicht getroffen, um über die globale Erderwärmung zu sprechen, sondern, um uns mal wieder zu sehen und ein bisschen zu quatschen. Aber immerhin ist dies ein Thema auf unserer Agenda. Genauso wie der Hausärztemangel in dörflichen Randgebieten, der legendäre VW-Dieselskandal, unverantwortlicher Umgang mit Plastikverpackungen in Supermärkten sowie Unterschiede in der Bio-zertifizierten Viehzucht auf dem Land und in der Stadt.

Wahnsinn, oder?

Immerhin sind es nicht Dr. Bettina Hoffmann von den Grünen und Markus Söder von der CDU, die über Umweltschutz debattieren, sondern es sind Oma Gertrud und ich.
Vor mir sitzt eine weise, lebenserfahrene und gutaussehende Frau, die Ihren Mann – den Vater ihrer vier (!) Kinder – mit dem Krebs teilen musste. Die den besten Kuchen und Filterkaffee der Welt zubereitet. Die sich gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gedanken darüber machen muss, wie sie zum nächsten Hausarzttermin kommen, weil der Weg zu weit ist. Die ihre Ausbildung in einem Tante Emma Laden – und nicht wie ich auf einer schnöseligen Privatuni – gemacht hat und die mir erklärt, dass es ein Wort wie „Ozon“ vor 50 Jahren einfach noch nicht gab.

Hey Nana - Ira & Oma Gertrud

Vor mir sitzt eine Frau, die unfassbar viel Wissen besitzt und Ahnung hat, weil sie Generationen durcherlebt hat.

Eine Frau, die immer schick gekleidet und zurecht gemacht ist, auch wenn es keinen Anlass dazu gibt. Die sich immer Mühe gibt, die immer belesen und informiert ist und die trotz der Herausforderungen für Senioren im Alltag immer Zufriedenheit ausstrahlt.
Was ich nach der Zeit, die ich mit meiner Oma verbringe, wieder mitnehme, sind die guten, alten „kleinen Dinge im Leben“. Die kleinen Dinge, an die wir im Alltag festhalten können, um zum Beispiel die „Ära Donald Trump“ zu überleben, um skandalöse Promi-Schlagzeilen zu begreifen oder um all die durchs Agenda Setting der Medien vermeintlich wichtigen Themen für einen kurzen Moment in unseren Köpfen auszublenden.

Sich mit einem nahestehenden Menschen beim Kaffeeklatsch über eine geballte Ladung Wissen und Erfahrung auszutauschen, ist bereichernd. Noch interessanter wird es aber dann, wenn ich von Car Sharing, Urban Gardening und Freunden aus der Großstadt erzähle, die am Stadtrand ein Stück Acker für den privaten Gemüseanbau gepachtet haben. Damit kann ich sie beeindrucken, denn dadurch merkt sie, dass unsere Generation nicht auf den Kopf gefallen ist.

Generationen kommen und gehen. Regierungen kommen und gehen. Wirtschaftliche Skandale kommen und gehen. Doch der Austausch zwischen den Generationen sollte immer aufrechterhalten werden und wie ein verborgener Schatz gesehen werden, der immer mal wieder ausgebuddelt werden sollte – ein Erfahrungsschatz. Und das ist ein Appell an alle Enkel dieser Welt!

Diese OMAge stammt von Ira Hendricks. Die 24-jährige PR-Beraterin wohnt in Köln besucht ihre Oma Gertrud so oft wie möglich im Siegerland. Sie liebt es den Geschichten der Frau, die nach der Schule eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Tante Emma Laden machte, zu lauschen.

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