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Giulia & Oma Ruthilde: „Vergessen hat sie die Zeit in Kriegsgefangenschaft nie“

Giulia & Oma Ruthilde:

„Vergessen hat sie die Zeit in Kriegsgefangenschaft nie“


In letzter Zeit denke ich oft und gerne an meine lebhafte Kindheit und die Zeit, die ich mit Oma verbrachte, zurück. In den Sommerferien kamen alle Enkelkinder Jahr für Jahr zusammen und bauten bei Oma Buden, spielten Kaufmannsladen, durchstöberten ihren Kleiderschrank – hier bewunderte ich immer die wunderschönen Kostüme und Kleider, die meine Großmutter alle selbst genäht hatte. Das „Rattern“ der Nähmaschine verbinde ich deshalb noch heute mit Geborgenheit. Vor allem aber verbrachten wir viel Zeit draußen in der Natur – von unserer Omi, die sich bereits im frühesten Alter vegetarisch ernährte, lernten wir viel über Tiere, Pflanzen und Kräuter. Abends saßen wir dann immer gemeinsam am Esstisch und dankten in unserem Tischgebet, für den Tag und die Speisen. Was ich aber trotz der von ihr vermittelten Wärme und Leichtigkeit nie vergessen werde: Das Wort Hunger war für uns Kinder Tabu. Rutschte es mal heraus, hieß es von Omi: „Ihr wisst nicht was Hunger bedeutet“, Worte, die ich erst mit zunehmendem Alter verstehen konnte…

Und jetzt zum schwierigen Teil: Ich habe lange überlegt, wie ich die Geschichte meiner Großmutter über ihre Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft in diesen Beitrag für HeyNana einbinden kann, ohne dass es zu düster wird. Denn ich möchte eben nicht nur über mein besonderes und enges Verhältnis zu meiner Omi schreiben, sondern auch ein, wie ich finde, sehr wichtiges Thema aufgreifen.

Hey Nana - Giulia & Oma Ruthilde

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Vielmehr hoffe ich, dass sie einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich diese schlimme Zeit nie wieder wiederholen wird.

Umso wichtiger ist es, dass wir den Betroffenen ein Gesicht geben, ihre Erlebnisse wahren und mahnend nach außen tragen. Wie auch unser Bundespräsident zu Beginn des Jahres sagte: „Denn wer sich nicht mehr daran erinnert, was geschehen ist, der hat auch vergessen, was geschehen kann.“

Aber nun wieder zu meiner Großmutter Ruthilde, oder Omi, wie ich mein Vorbild liebevoll nenne: Geboren und aufgewachsen im ehem. Westpreußen, verbrachte sie auf dem Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihren drei Brüdern und Tieren eine glückliche Kindheit. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch Hitlers änderte sich alles. Aus Respekt zu ihr möchte ich an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: Mit 17 Jahren musste sie wiederholt schwere sexuelle Gewalt erfahren und ihre Familie verlor Haus, Hof und Tiere. Noch vor ihrem 18. Geburtstag wurde sie dann von russischen Soldaten nach Sibirien in das Frauenarbeitslager Schadrinsk verschleppt. Fernab von ihrer Familie und geliebten Heimat, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder zueinander finden, verbrachte sie hier dreieinhalb Jahre. Als Brigadier war sie dem Natschalnik, das ist die russische Bezeichnung für den Leiter der Kriegsgefangenen, untergeordnet und war verantwortlich dafür, dass die ihr zugeteilten Frauen ihre Arbeit ordnungsgemäß verrichteten. Hielten sie sich nicht an die vorgegebenen Aufgaben, wurde meine Großmutter bestraft. Die dort erfahrenen Demütigungen, sowie menschenunwürdige Unterbringung und Behandlung machten ihr sehr zu schaffen. Nach einiger Zeit wurde sie schwer krank und schwach. Allein durch ein Kännchen Milch, das ihr die Ehefrau des Natschalniks heimlich reichte, kam sie wieder etwas zu Kräften…

Oma Ruthilde - Hey Nana

Rückblickend sagt sie heute: „Ich habe den Tätern vor Ort vergeben, aber vergessen werde ich diese Zeit in Kriegsgefangenschaft nie!“ Auch die Narben an Omas Körper erinnern sie ein Leben lang daran. „Wunden verheilen, aber die Narben bleiben und zeichnen Menschen für immer!“

Omas Bescheidenheit, ihr Mut, ihre bodenständige, aufopfernde, sowie hilfsbereite Art und ihre bedingungslose Liebe ihrer Familie gegenüber beeindrucken mich zutiefst – vor allem nach den schlimmen Erlebnissen, die sie in jungen Jahren erfahren musste, ist dies nicht selbstverständlich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Omi mit 94 auch geistig noch so fit ist und so ehrlich, dass sie sogar die dunklen Kapitel ihrer Geschichte mit mir teilt. Wir können aus der Vergangenheit nur lernen.

Die Pandemie hat uns einmal mehr denn je vor Augen geführt, wie dankbar wir sein können, in einem freien und demokratischen Land leben zu dürfen. Vor allem aber hat sie uns gezeigt, wie wichtig ein soziales Miteinander ist und in welchen Bereichen ein Ungleichgewicht herrscht. Oma und ich haben seit Pandemiebeginn jeden Tag videotelefoniert. Zu unserem neuen digitalen Ritual gehörten gemeinsame Spaziergänge, Teatime und ausgiebigen Gespräche. Wir erinnern uns: Wegen Covid19 konnten die Bewohner:innen von Pflege- und Alteneinrichtung ihre Wohnungen einige Wochen weder verlassen, noch externen Besuch empfangen. Eine Zeit, die vor allem die ältere, zum Teil an Demenz erkrankte Generation unserer Gesellschaft schwer getroffen hat. Eine Generation, die größtenteils den zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt hat oder wie meine Großmutter darüber hinaus Gefangenschaft hat erfahren müssen. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, weshalb sie aktuell wieder vermehrt von der damaligen Zeit und ihren Erlebnissen berichtet. Bestärkt durch den Satz: „Es soll nichts vergebens sein“, aus ihrem in Gefangenschaft verfasstem Poesie-Album, habe ich damit begonnen mich intensiver mit der Geschichte meiner Omi auseinanderzusetzen und zu recherchieren.

Anfang des Jahres begab ich mich so auf eine „Reise“, auf der ich auch viel über mich selbst, meine Einstellung zum Leben und meine eigene Persönlichkeit erfahren durfte. Schon häufiger fragte ich mich, wer ich wohl bin und wie ich geworden wäre, wenn ich meine Großmutter nicht so nah um mich gehabt hätte. Die enge Bindung zu meiner Großmutter hat mich, ob bewusst oder unbewusst, stärker geprägt, als ich mir bisher bewusst war. Bis zu ihrem Einzug in das Altenheim habe ich sie daheim gepflegt, konnte vor allem das „ungern älter werden“ verstehen.

Hey Nana - Oma Ruthilde

Oma-Enkelinnen-Liebe in Zeiten von Corona: Das Fahrstuhl-Selfie entstand beim Geburtstagsausflug zum 94. – neben den Besuchen viedeotelefonieren Ruthilde und Giulia seit Pandemiebeginn einmal täglich.

Nun, durch die tieferen Einblicke in die Zeit ihrer Gefangenschaft und die Jahre danach, verstehe ich ihr Verhalten zu gewissen Situationen besser. Ich fühle mich ihr tatsächlich noch ein Stückchen näher, als wir ohnehin schon waren.

Ich hoffe sehr, dass wir noch viele gemeinsame Stunden in Freude miteinander verbringen dürfen. Ich versuche sie in jedem Fall so häufig wie möglich zu besuchen. Dann genießen wir die gemeinsamen Ausflüge mit dem Rollstuhl, lachen, singen oder spielen Memory. Bei letzterem verliere ich tatsächlich meist haushoch. Manchmal liebe ich es aber auch, wenn wir einfach nur so dasitzen und ich sie beim Nachdenken beobachten darf.

Hey Nana - Oma Ruthilde

Diese OMAge stammt von Giulia Consiglio. Als Tochter deutsch-italienischer Eltern ist sie in Osnabrück aufgewachsen, lebt heute in Berlin und arbeitet als selbstständige Stylistin für namhafte Künstler:innen und betreut in ihrer Funktion als Managerin, diverse Social Media Kampagnen. Privat engagiert sich Giulia im Bereich der Nachhaltigkeit und unterstützt soziale Projekte. Aktuell produziert sie ihr erstes, vegan-vegetarisches Koch- und Backbuch. Darüber hinaus recherchiert sie intensiv in den Unterlagen ihrer Großmutter. Deren Geschichte als Buch niedergeschrieben und im Dokumentationszentrum Flucht Vertreibung Versöhnung archiviert werden soll. 

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Luisa & Oma Angola: „Ein Hoch auf die Magie des Generationenaustauschs!“

Luisa & Oma Angola:

„Ein Hoch auf die Magie des Generationenaustauschs!“


Immer mal wieder frage ich mich, zu welchen Menschen, mit welchen Charaktereigenschaften und mit welcher Lebenseinstellung ich mich ohne meine Omi und meine Silberfreundinnen wohl entwickelt hätte. Denn seitdem ich denken kann, bin ich umgeben von den wundervollsten Frauen der Welt, den „alten“ Frauen. Dabei sind diese für mich alles – nur nicht alt. Sie mögen es zwar auf dem Papier sein, denn Menschen jenseits der 70 befinden sich schließlich im letzten Abschnitt ihres Lebens. Aber das Alter sagt in meinen Augen so gar nichts über die Person aus, die sich dahinter verbirgt. Deshalb lautet meine Philosophie: Es ist die Lebenseinstellung, die einen Menschen ausmacht – und nicht die Anzahl seiner Lebensjahre!

Hey Nana - Luisa & Oma Angola

Meine Omi, oder eher gesagt mein „Ömchen“, wie ich sie gerne nenne, ist hierfür das beste Beispiel. Ich hatte das große Glück, Seite an Seite mit ihr aufwachsen zu dürfen und so hat sie meine Bewunderung für die Schönheit des Alters maßgeblich geprägt. Eine Frau, die mit ihren 86 Lebensjahren so lebensfroh, authentisch und humorvoll ist und mich seit dem ich denken kann in jeder Lebenssituation mit so viel Rat und Tat unterstützt, dass ich schon früh erkennen musste, dass ich ihr all das nur schwer im Laufe unserer gemeinsamen Zeit werde wiedergeben können.

Dafür habe ich etwas anderes gemacht, denn ich habe meinen ganz eigenen Weg kreiert, um zu zeigen, wie inspirierend, lebensbejahend und einzigartig schön „Alter“ sein kann: Ein Blog über die Schönheit des Alters und die Magie des Generationenaustauschs. Mit meinem Blogprojekt „Style is Ageless“ teile ich meine Bewunderung für das Alter und mache auf die Magie des Generationenaustausches aufmerksam, denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass eine generationenübergreifende Freundschaft eine unglaubliche Bereicherung für jeden von uns ist.

Gewidmet ist dieses Herzensprojekt meinem lieben Ömchen und all den anderen tollen Frauen, die wie sie der beste Beweis dafür sind, dass das Alter nur eine Ansammlung von Lebensjahren ist.

Denn mit ihren über 80 Lebensjahren sind meine Omi und die Frauen, die ich im Rahmen dieses Herzensprojekts kennengelernt habe, von so viel positiver Lebensenergie bestimmt, dass der Austausch mit ihnen zu meinem ganz persönlichen Lebenswegweiser geworden ist. Es ist dieser unfassbare Schatz an Lebenserfahrung den ich so sehr bewundere, gepaart mit einer Gelassenheit, die mit fortschreitendem Alter ein fester Bestandteil ihrer Persönlichkeit geworden ist.

Wenn ich einem jüngeren Menschen erzähle, mit wem ich meine Freizeit verbringe – nämlich mit meiner Omi und meinen Silberfreundinnen, die in der Regel mindestens 50 Jahre älter sind als ich, schaue ich immer wieder in sehr überraschte Gesichter, auf denen sich ein großes Fragezeichen auftut, das mir im Stillen mitteilt: Ist das nicht schräg, so „alte“ Freundinnen zu haben? Nein, es ist inspirierend! Wenn wir uns auf ein Glas Wein (oder auch ein zweites und drittes) treffen oder auch nur einen gemütlichen Spaziergang machen: Die Zeit vergeht immer wie im Flug.

Oh yes, ich habe Freundinnen die 50 Jahre älter sind als ich – und sie sind einfach Hammer!

Dabei sind unsere Gespräche so unterschiedlich wie die Lebensphasen, in denen wir uns befinden. Unsere Freuden und Hoffnungen teilen wir genauso wie unsere Sorgen und Ängste. Gerade in Bezug auf Letztere sind wir mittlerweile ziemlich erprobt darin, durch unsere unterschiedlichen ›Lebensbrillen‹ zu sehr kreativen Lösungsansätzen zu gelangen. Das Gespräch endet meistens darin, dass wir uns lachend in den Armen liegen und uns beide nur noch verschwommen erinnern, worüber wir uns eigentlich den Kopf zerbrochen haben. Wie es in Freundschaften ebenso läuft. Dass wir unseren Altersunterschied nicht leugnen können, ist uns natürlich absolut bewusst, aber was wir noch viel besser wissen ist, dass die Werte unserer Freundschaft dieses bisschen Zeit um ein Vielfaches übertrumpfen.

Und noch etwas verbindet mich und meine Silberfreundinnen auf eine ganz wunderbare Weise: Die Freude an der Mode. Sich auch im Alter noch zurecht zu machen, gehört bei vielen von ihnen zu ihrer Identität und ist gleichzeitig ein großes Stück Lebensfreude, welches bis zum Ende ein Teil von ihnen sein wird.

Doch neben ihrer eigenen stilsicheren Mode verbirgt sich in den Kleiderschränken von Ömchen und meinen Silberfreundinnen noch wesentlich mehr: Es sind Klamottenschätze ihrer Garderoben aus vergangenen Tagen, die sie mir mit einer Freude schenken, die ich so noch nie bei jemandem gesehen habe. Sie selbst verbinden mit diesen Kleidungsstücken viele persönliche Erinnerungen, da auch diese Kleidung einst ein Teil ihrer Identität war. Zu erkennen und zu akzeptieren, dass sie aufgrund körperlicher Veränderungen nicht mehr oder nur noch schwerlich getragen werden können, ist manchmal gar nicht so einfach, da diese Trennung auch immer ein kleiner Abschied vom unbeschwerten Leben ist. Umso schöner ist es dann, wenn es junge Menschen gibt, die diese besonderen Kleidungsstücke mit jener Wertschätzung weitertragen, die sie verdienen.

Mit jedem Vintagekleidungsstück aus diesen Garderoben trage ich auch einen Teil einer Lebensgeschichte mit mir.

Ich könnte noch so viel mehr über die Magie des Generationenaustausches schreiben, denn das was die Freundschaft von Jung und Alt verbinden kann, ist grenzenlos. Aber ich mache hier nun erst einmal Schluss und hoffe, dass ich ein wenig dazu inspirieren konnte, diese wunderbare Art der Freundschaft selbst erleben zu wollen.

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Diese OMAge stammt von Luisa Hartung. Die Wiesbadenerin hat neben dem Studium (Media &  Design-Management) den Mode- und Generationenblog  www.style-is-ageless.de zusammen mit Oma Angola gegründet, auf dem sie die stylischen und besonderen Facetten des Alters benennt und feiert. In Kürze gibt es zu ihrer Herzensangelegenheit auch einen Podcast.

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Yara & Oma Hansi: „Sie hat mich bestärkt, zu mir zu stehen“

Yara & Oma Hansi:

„Sie hat mich bestärkt, zu mir zu stehen“


ch glaube man hat immer eine besondere Beziehung zu Nanas. Egal wie. Und alle meine (Ur-)Nanas haben einen festen Platz in meinem Herzen. Aber die Beziehung zwischen Omi und mir ist auf vielen Ebenen eine ganz besondere.

Was mich immer schon an Omi fasziniert, ist ihre Eleganz, ihr mondänes Auftreten. Sie wusste sich zu kleiden, zu bewegen und zu tanzen. Wir haben sehr viel zusammen getanzt. Schon mit drei Jahren hat sie mir beigebracht, andere selbstbewusst dazu aufzufordern. Mein Highlight war, mich an ihrem Kleiderschrank zu bedienen. Und das ist es noch immer. Ich bin so dankbar und glücklich, dass sie mir immer wieder wunderschöne Einzelteile schenkt, die sie selbst jahrzehntelang getragen und geliebt hat. Ich habe dadurch zum einen gelernt, wie haltbar und kostbar gute Stoffe sind und auch wie schön es ist, Geschichte weitertragen zu dürfen. Im wahrsten Sinne.

Hey Nana - Yara & Oma Hansi

Wir hatten wunderschöne, leichte Jahre. Meine Kindheit war geprägt davon. Aber nicht nur. Wie in jeder engen Beziehung, gab es auch zwischen Omi und mir Herausforderungen.

Ungefähr zehn Jahre lang war es nicht wirklich leicht, Familienkonstellationen vertrackt und mein Auszug von Zuhause sorgte für mehr Distanz. Es gibt aber eine einschneidende Wendung, die mich noch immer so berührt, dass ich beim Schreiben Tränen in den Augen habe:

Vor zwei Jahren habe ich mich zum ersten Mal in eine Frau verliebt, anstelle eines Mannes. Ich habe gemerkt, dass ich nicht ein Geschlecht liebe, sondern den Menschen. Für manche vielleicht nichts besonderes. Für mich als Dorfkind, die selbst immer auf der Suche nach dem perfekten Prinzen war, eine Sache, die ich erstmal verarbeiten musste. Gleichzeitig war ich glücklich, fühlte mich frei und unbändig wie nie. Für mich stand außer Frage, all das mit meiner Familie zu teilen. Die Reaktionen waren: unerwartet. Und trafen mich teilweise tief. Meine große Sorge daher: wie würde Omi reagieren? Ich wollte es ihr nicht sagen, aus Angst, sie könnte ernsthaft (!) einen Herzinfarkt erleiden.

Aber: sie spürte. Sie wusste. Und ich wusste auch. Ich musste nichts sagen. Diese tiefe Liebe ihrerseits zu spüren, die Verbundenheit durch ein über Monate hinweg unausgesprochenes Geheimnis zwischen uns beiden, hat vieles verändert. Als ich mich von meiner damaligen Partnerin trennte, stellte Omi mir viele Fragen. Zu allem. Ich habe mich so gesehen, so wertgeschätzt gefühlt. Und ich tue es bis heute.

Ein paar Monate später wieder eine Nachricht, mit der niemand gerechnet hatte: Ich hatte plötzlich einen Dackel! Omi staunte, lachte, wunderte und freute sich. Sie wollte ihn unbedingt kennenlernen und ich ihr diesen Wunsch erfüllen. Dann war es so weit: Die erste Reise mit Hund ging in den Schwarzwald.

Meine Omi sitzt mittlerweile fast jeden Tag des Jahres 24/7 in ihrem Haus, kommt kaum noch raus, die meiste Zeit ist sie komplett alleine. Ich hatte mir gewünscht, ihr einen Nachmittag zu schenken, den sie nie vergessen würde. Vielleicht klingt unser Abenteuer für viele banal, aber für uns war es das Allerschönste: Mit meinem neuen Auto hatte ich sie abgeholt, auf den Beifahrersitz gesetzt und meinen Dackel Krümel auf ihren Schoß. Ein solches Leuchten hatte ich ich lange nicht mehr in ihren Augen gesehen. Gemeinsam haben wir eine große Spritztour durch den Schwarzwald gemacht, vorbei an hohen Tannen und schönsten Aussichtspunkten. Natürlich gab es Kaffee und Kuchen, aber bei allem ging es eigentlich nur um den Moment. Darum, völlig präsent zu sein und zu genießen. Das war besonders. Ganz besonders schön.

Als wir zurückkamen, sollte ich noch eine Tarotkarte ziehen. Meine Oma legt sich selbst hobbymäßig Karten seit ich denken kann. Auch dieses Miteinander, dieser Moment hat meine Omi und mich noch einmal mehr zusammengeschweißt. Und dazu geführt, dass ich selbst einen Tarotkurs gemacht habe. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Kund*innen. Einmal mehr habe ich dabei gelernt, voll und ganz auf meine Intuition zu vertrauen, auf mich. Und darauf zu scheißen, was andere denken, sagen oder tun.

Meine Oma lebt ihre Spiritualität seit Jahrzehnten. Sie hat mich gelehrt, die Angst vor Verurteilung und Gerede loszulassen.

Sie hat mich bestärkt, zu mir zu stehen. In allem, was ich bin und mit allem, was ich bin. Und: meine Reise hat gerade erst begonnen. Ich bin so dankbar für Dich, Omi!

Ich liebe Dich.
Deine Yara.

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Diese OMAge stammt von Yara Hoffmann. Die TV-Journalistin und Moderatorin lebt in Berlin. Von Politik bis Einsamkeit –  die Themen sind vielfältig, aber Empathie und Intuition einen Yaras Berichterstattung. Wer nach diesem Text Lust auf eine Tarot-Lesung bekommen hat, schreibt sie am besten direkt bei Instagram an.

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Die beste Frau der Welt – eine Verweigerung von Ronja von Rönne

Die beste Frau der Welt –

eine Verweigerung von Ronja von Rönne


ch wollte immer schon die Geschichte meiner Großmutter niederschreiben. Sie ist die wärmste, klügste, schönste Frau der Welt, Heldin meiner Kindheit, Heldin meines erwachwachsenen Ichs. Ich könnte Seite um Seite um Seite mit einem Loblied auf sie füllen. Nicht, weil ich Autorin bin und schreiben mein Beruf, sondern weil es sehr, sehr einfach ist, begeistert von ihr zu sein.

Schriftstellerin sein, Bücher schreiben an sich ist, sorry, nur meine subjektive Meinung, ein ziemlich bescheuerter Beruf. Ständig muss man sich was ausdenken und gleichzeitig Ideen und Selbstzweifel, Größenwahn und scheinbare Aussichtslosigkeit managen, wie so ein mittel begabter Wanderzirkus-Dompteur. Romane schreiben, sich Figuren und Handlung auszudenken ist anstrengend und doof und, kleiner Tipp für angehende, übermotivierte Autorinnen: im seltensten Fällen psychisch oder finanziell profitabel.

Was hingegen reine Freude bereitet und mir leicht fallen würde: Eine Hommage auf und an und für meine Großmutter zu schreiben. Die ist schließlich, im Gegensatz zu meinen halbgaren Protagonisten, eine echte Heldin. Mit Vorgeschichte und Schicksal und all dem Zeug, das man sich als Autorin sonst mühselig ausdenken muss.

Dies war also der tröstliche  Plan B in meinem Hinterkopf: Wenn das alles nix wird, denk ich mir jedes Mal, wenn ich mein aktuelles Romanprojekt verfluche, schreib ich einfach ein Buch über Gromi, denn so heißt meine Großmutter für mich und meinen Bruder und meine Cousinen und alle meine Freunde und meinen Mann.

Hey Nana - Ronja von Rönne
hey nana Ronja von Roenne

Und vielleicht hätte ich das auch getan, wenn ich nicht von Edith für dieses Projekt angefragt worden wäre. Man muss nämlich zweierlei Dinge wissen:
Erstens weigere ich mich grundsätzlich, irgendeinen Text für lau zu verfassen und zweitens hat Edith mir sehr schnell klar gemacht, dass es für diese Anfrage sowas von überhaupt kein Budget gibt, weil sie dieses große Vorhaben nämlich völlig unbezahlt und aus Idealismus stemmt. (Streberin)

Um beiden, also meinen Prinzipien und ihrer Anfrage treu zu bleiben, weigere ich mich dementsprechend schlicht, mehr als 20 Minuten in diesen Text zu investieren. Weil meine Liebe und mein Respekt gegenüber Gromi viel zu groß für einen Zwischendurch-Text ist. Weil sie mich betreut, aufgefangen, begleitet und immerschon: unbedingt geliebt hat.

Und deswegen tut es mir leid, liebe Edith, aber mitunter sind Großeltern das Beste der Welt, und das Beste der Welt hat mehr verdient, als ein Beitrag zu sein, so nobel der Anlass auch sein mag. Gromi: Das ist meine Großmutter, und viel mehr als das, ein fester Ankerpunkt meines Lebens, und weder ein kurzer Text, noch ein sehr dickes Buch könnte ihr je gerecht werden.

Diese OMAge stammt von Ronja von Rönne. Sie ist Schriftstellerin (Debütroman „Wir Kommen“, Kolumnen-Sammlung „Heute ist leider schlecht“), Journalistin und  Moderatorin der Arte-Sendung „Streetphilosophy“.

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Edith & Oma Klara: „Jetzt hat sie mit 95 auch noch Corona durch”

Edith & Oma Klara:

„Jetzt hat sie mit 95 auch noch Corona durch”


Das sind doch die beiden von da oben?! Ja, diese Oma muss ich an dieser Stelle also gar nicht mehr vorstellen. Ohne Klara würde es HeyNana.de schließlich nicht geben. Aber ich dachte mir, ein Update wäre angebracht. Eine etwas andere OMAge. Immerhin war es für uns alle auch ein etwas anderes Jahr in puncto Oma-Beziehungspflege. It was a tough one.

Bald ein Jahr hören wir schon, dass für Menschen ab 70 Jahren ein ungleich höheres Risiko besteht, an Covid-19 zu sterben. Dass die am meisten betroffene Altersgruppe die der 80- bis 89-Jährigen ist – das sind unsere Omis und Opis.  Und wir wissen alle: Die Situation in den Altenheimen und Pflegeeinrichtungen ist prekär. Rund 700.000 Menschen werden in deutschen Altersheimen betreut, aber ich möchte hier nicht mit Todeszahlen um mich werfen. Aber Fakt ist, die Pandemie hat die Situation der Alten in unserem Land drastisch verschlechtert: Die Einsamen sind jetzt noch einsamer und die Ängstlichen noch ängstlicher. Wer Verantwortung für die Senior*innen trägt, schottet sich von ihnen ab. Wichtig, aber kacke.

Oma Klara und ich haben uns im letzen Jahr genau einmal gesehen. Das war  an Weihnachten, nachdem wir beide einen Corona-Test gemacht haben. Und ich habe es in der Überschrift ja schon gespoilert: Klara hatte Corona. Gleich in der ersten Welle 2020, mit 95 Jahren, ach du Scheiße. Und obwohl ich meine Oma jetzt mein Leben lang als unfassbar widerstansfähig kenne, muss ich zugeben, dass ich mich auf das Schlimmste eingestellt habe. Zu viele Großeltern überleben Covid-19 eben nicht. Knapp drei Wochen war sie auf Corona-Station am Bodensee, künstlich beatmet wurde sie allerdings nicht. Sie hatte großes Glück, wir hatten großes Glück.

Hey Nana - Edith & Oma Klara:

In wenigen Wochen wird Klara 96. Ganz so fit wie vor der Corona-Erkrankung ist sie zwar nicht mehr, aber baut man nicht auch zwangsläufig ab, wenn man auf die Hundert zuspaziert?

Auf jeden Fall fehlt es ihr so sehr, dass alle drei Töchter jeden Montag Abend zum Kartenspielen kommen. Dazu Flips und manchmal Sekt. Beim Canasta war sie jede Woche gefordert, zu rechnen und taktisch zu denken. Das ist jetzt zu gefährlich, genau wie ihr Senioren-Treff, der einst auch eine wöchentliche feste Konstante war. Ich bin mir ganz sicher, dass die festen Abläufe, ihre Rentner-Events und das Zusammenkommen mit den Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln und Urenkeln das war, was den Powermotor so am Laufen hielt. Der Motor ist jetzt deutlich langsamer.

Vor Corona fuhr sie noch ab und an mit ihrem schnittigen Audi kurze, ihr bekannte Strecken (zur Familie meist). Jetzt ist daran nicht mehr zu denken. Ich bin natürlich froh, dass es ein Risiko im Straßenverehr weniger gibt und dennoch verstehe ich ihren Abschiedsschmerz gut. Der Führerschein bedeutete für sie immer Freiheit. Gern erzählt sie mir, wie besonders das damals für eine junge Frau auf dem Land war, den Führerschein zu machen. Dadurch war sie immer eine unabhängige, reiselustige Frau. Jetzt ist sie abhänhig vom Motor anderer, und demnach reisemüde. Eine kleine Anekdote zum Versinnbildlichen (und Schmunzeln): Während des Lockdowns hat sie sich wohl heimlich in die Garage geschlichen und einfach mal kurz den Motor angelassen – fürs Gefühl.

Am Telefon sagt sie mir immer, dass sie nicht jammern möchte, aber „schlimm ist die Situation schon. Ich lese immer in der Zeitung, wer wieder gestorben ist.“ Und nach rund zehn Minuten am Telefon, merke ich, dass das Reden langsam zu anstrengend für sie wird und wir sagen „bis ganz bald“.

Der Kreislauf des Lebens hat jetzt eine neue Dynamik, ein anderes Tempo. Viele fürchten jetzt mehr um die Großeltern. Viele vermissen sie schmerzlich. Genau wie Oma möchte ich aber auch nicht jammern: Ich bin dankbar. Für jeden Tag, an dem ich als erwachsene Frau noch eine Oma an meiner Seite wissen darf. Ich bin mir meines Privilegs bewusst und sehe, dass andere Omas – Pandemie hin oder her – andere Schicksale erleben und andere Geschichten zu erzählen haben. Mit unserer Geschichte, mit dieser Seite, möchte ich einfach darauf aufmerksam machen, dass uns die Omis ganz unterschiedliche Wege geebnet haben und wir daran denken sollten, dass wir alle auch mal alt werden. Ich wünsche mir einfach, dass wir die Alten dieser Gesellschaft nicht vergessen.

Also, wenn du auch noch eine Oma hast: Heute schon bei der alten Dame angerufen? Und wenn deine Oma nicht mehr unter uns ist, schick ihr bisschen Liebe nach oben, geht auch. Unter der Rubrik „Die Hilfe“ habe ich außerdem Organisationen aufgelistet, die –  gerade jetzt noch mehr als eh schon – auf Spenden angewiesen sind, um Senior*innen ein würdevolles Leben auf Augenhöhe ermöglichen zu können.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch die von Menschen jenseits der 70.

Hey Nana - Edith & Oma Klara: „Jetzt hat sie mit 95 auch noch Corona durch”

Diese OMAge stammt von Edith Löhle, Journalistin und Autorin. Ich bin die Initiatorin dieser Plattform, weil mir der Generationenaustausch am Herzen liegt. 

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Josephine & Oma Erika: „Vielleicht können wir uns bald mal wieder ohne Maske sehen”

Josephine & Oma Erika:

„Vielleicht können wir uns bald mal wieder ohne Maske sehen”


Ach, Omi, was ist das nur für eine verrückte Zeit gerade? Eine, die wir alle nie erleben wollten. Es bricht mir täglich das Herz, dass du allein bist. Und dass dich fast keiner besucht. Aus Angst um dich. Dass du immer am Telefon weinst, weil du uns und die Kleine so sehr vermisst. Die Normalität vermisst. Dass eben niemand die Straßenseite wechselt, wenn er dich sieht. Weil er dich schützen will. Weil du zur Risikogruppe gehörst. Weil du 89 Jahre alt bist.

Das stigmatisiert. Und dabei hast du vor so viel mehr Angst. Davor, uns wieder so lange nicht zu sehen. Davor, uns nicht in unserem Haus besuchen zu können. Und nicht an unserem großen Esstisch zu sitzen, den Opi und du uns zum Einzug geschenkt haben. Davor, dass wir uns nicht mehr sehen. Und davor habe auch ich Angst.

Umso schöner, dass wir sofort, als die Impfhotline in Thüringen eröffnet hat, zwei Termine für dich ergattern konnten. Die erste Impfung hast du gut verkraftet. In Begleitung vom DRK hast du alle Stufen geschafft. An deinen Kugelschreiber und Impfpass hast du auch gedacht. Und du warst so aufgeregt. Die zweite Impfung bekommst du in ein paar Tagen. So haben wir eine Angst weniger. Und du auch.

Können uns vielleicht bald mal wieder ohne Maske sehen. Und öfter. So, wie vor rund 1,5 Jahren noch.

Hey Nana - Josephine & Oma Erika

Uns drücken ohne schlechtes Gewissen. Uns sehen, ohne, dass du mich dazu lange überreden musst. Ohne, dass wir davor Kontakte meiden.

Darauf freue ich mich. Mit dir. Auf neue alte Zeiten. Aber ohne Opi leider. Er gehört doch zu dir. Aber nein, er ist doch sowieso immer dabei. Und wenn er Corona noch mitbekommen hätte. Er hätte auf dich aufgepasst. Mehr als auf sich.

Diese OMAge stammt von Josephine Bauer. Sie ist Mama- und Lifestylebloggerin aus Berlin. Sie träumt von einem Holzhaus im Grünen und das Grundstück hat sie jetzt gefunden – wenn dann alles steht und die Pandemie vorüber ist, wird Oma Erika aus Thüringen zu Besuch kommen und ihre Ur-Enkelin beim Schaukeln beobachten.

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Joyce & Oma Karin: „Am liebsten würde ich sie zu Hause betreuen, sie hat mich als Kind auch über Jahre bei sich gehabt“

Joyce & Oma Karin:

„Am liebsten würde ich sie zu Hause betreuen, sie hat mich als Kind auch über Jahre bei sich gehabt“


Normalerweise sehen wir uns mindestens alle zwei Wochen. Doch wegen der Corona-Pandemie habe ich das Seniorenheim zum Schutz meiner Oma und den anderen Damen und Herren seit Ende Oktober nicht mehr betreten. Sie nicht zu sehen, schmerzt mich sehr. Natürlich habe ich Angst, sie kein weiteres Mal in die Arme schließen zu können…

Meine Oma ist 78 Jahre jung und hat meine Mama mit 20 Jahren bekommen. Karin ist auf dem Bauernhof in Altenberga Thüringen aufgewachsen und sie lebt für gutes Essen. Also bringe ich normalerweise bei meinen Besuchen tolle Bio-Lebensmittel mit und wir reden. Da das ja jetzt wie gesagt ausfällt, bleibt mir nur, sie auch heute an ihrem Geburtstag anzurufen. Von diesem, unserem letzten, Telefonat will ich hier erzählen:

 

Hey Nana - Joyce & Oma Karin

An ihr Handy geht sie schon seit einem Jahr nicht mehr, also klinge ich im Altersheim durch. Ich habe ihr auch einen kleinen Geburtstagsbrief geschrieben, der ist aber noch nicht angekommen. Als ich ihre Stimme am anderen Ende der Leitung höre, schießen mir gleich die Tränen in die Augen –  genauso wie jetzt, während ich diese Zeilen über sie, über uns, schreibe.

Natürlich will ich positiv bleiben und versuche mir meine Emotionen am Telefon nicht anmerken zu lassen. Ich meine zu ihr, dass ich mich sehr auf unser nächstes Treffen freue und selbstverständlich ganz viel Bio-Obst und -Gemüse, sowie ihren Lieblings Bio-Pflaumen-Streusel-Kuchen mitbringen werde…

Das mit dem Essen ist echt so ein großes Thema: Meine Oma, eine ehemalige Chemikerin und Restaurantbesitzerin ist not amused bezüglich der gezuckerten Fertigprodukte und dem heutigen Brot, welches für sie kein Brot ist. Jedesmal wenn ich Karins Lebensrealität im Seniorenheim rund um das Essen und die Enge mit anderen Senior*innen, das unterbesetzte Personal und die wenigen Grünflächen zum Spazierengehen sah, weinte ich. Am liebsten würde ich sie verwöhnen und zu Hause betreuen, sowie sie mich als Kind über Jahre bei sich zu Hause großgezogen hat. Meine jetzige Wohn- und Arbeitssituation lässt das jedoch nicht zu.

Aber zurück zum Geburtstagstelefonat: Meine Oma ist am Telefon positiv und dankbar über meinen Anruf. Am Ende meint sie zu mir. „Bei allem was dir nicht gut tut: Einfach mal den Finger heimlich zeigen!“ Und das ist es auch, was sie mir schon immer mit auf den Weg gab und was ich auch heute wieder von ihr lerne: sich nicht unterkriegen zu lassen!

Dankbar bin ich, dass ich sogar noch zwei Omas habe und zudem noch das Glück hatte, meine Uromas gekannt zu haben. Ich habe so viel von den Frauen in meiner Familie gelernt.

Joyce & Oma Karin

Diese OMAge stammt von der Berlinerin Joyce Binneboese , sie ist Mitgründerin des Schmucklabels WALD Berlin. Joyce beschreibt sich als „Well-being Enthusiast“ und arbeitet außerdem als Moderatorin und Model.

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Rena & Oma Käthe: „Sie backt für die Enkel vegane Plätzchen in Schweinchenform”

Rena & Oma Käthe:

„Sie backt für die Enkel vegane Plätzchen in Schweinchenform”


„Bei Oma schmeckt’s am besten“ – was für eine ausgelutschte Phrase! Inflationär verwendet auf Seiten wie Chefkoch.de oder auf in Comic Sans bedruckten Küchenschürzen, die man einen Tag vor Weihnachten auf Amazon bestellt. Außerdem ist der Satz in meiner Familie nicht ganz wahr. Das liegt allerdings nicht an meiner Oma, die wirklich sehr lecker kocht, sondern an ihren linksalternativen Nachkommen, die in den letzten Jahren fast alle von einer vegetarisch-veganen Welle erfasst wurden. Und seitdem Omas krustigen Braten verschmähen. Trotzdem oder gerade deswegen erzähle ich die Geschichte von meiner Oma und mir anhand von Essen. Unsere Verbindung, über zwei Generationen und 56 Jahre hinweg, ist stark damit verwoben.

Hey Nana - Rena & Oma Käthe

Meine Oma ist Bäuerin. So ist sie aufgewachsen, so ist sie bis heute. Ohne ihren Gemüsegarten und ihre Handvoll alten Hühner geht es nicht. Als Kind und Jugendliche war ich damit aufgrund diverser Umstände wenig in Berührung gekommen, doch das sollte sich im Erwachsenenleben ändern: Das erste Mal arbeiteten wir zusammen auf ihrem kleinen Kartoffelfeld, als ich nach meinem Masterabschluss leicht orientierungslos bei ihr und meinem im selben Haus wohnenden Papa strandete. Mein entschleunigter Alltag lief wie folgt ab: Vormittags Kartoffelkäfer und Larven klauben, nachmittags Bewerbungen schreiben. Na ja, oder so ähnlich. Weder dauerte die Käferaktion den ganzen Vormittag, noch bewarb ich mich die vollen restlichen Stunden des Tages. Aber reden mit Oma, das tat ich in der Zeit so viel wie nie zuvor. Über ihre Flucht aus Siebenbürgen im Alter von zehn Jahren, die sie bis heute stark bewegt. Über die Liebe früher und heute. Über Sexualaufklärung…

Immer wieder erinnert sie mich in unseren Gesprächen an unsere gemeinsame Saison des Kartoffelkäferklaubens. Jeden Frühling seitdem – in den Folgejahren saß ich immer in einer anderen Stadt oder gar am anderen Ende der Welt – vermisst sie mich zwischen ihren Kartoffelpflanzen. Und ich sie – egal, wo ich bin.

Als zu jener Kartoffelzeit einige Bewerbungen erfolglos blieben, sagte mir Oma mit einem verschmitzten Grinsen, ich könne mich ja auch an einer Haushaltsschule einschreiben. Google verriet: So was gibt’s tatsächlich. Unterrichtsthemen sind zum Beispiel Familienmanagement, Gestecke und Kränze, Pflege des bäuerlichen Brauchtums. Das klang so altmodisch, dass ich es fast schon wieder gewagt gefunden hätte, daran teilzunehmen. Doch natürlich war es das Gegenteil von allem, was ich sonst mit Mitte 20 veranstaltete: Master in England, Reisen durch Lateinamerika, frisch verliebt in einen Kolumbianer. Dass Oma das alles auch nicht ganz verkehrt fand, merkte ich an ihren Fragen und den sämtlichen aufbewahrten Postkarten von mir an ihrem Vitrinenschrank. 

Mehr als mich in eine konservative Vorstellung zu pressen, wollte mich meine Oma vermutlich einfach ein bisschen aufziehen. Sie ist nämlich nicht nur eine Meisterin in Zubereitung von Braten, sondern auch in dem, was man im Internetdeutsch roasten nennt. Meine Geschwister und ich kriegen ihren Humor immer wieder ab – mal knallhart, mal subtil. Als mein Bruder Veganer wurde, stand Oma vor einer unerwarteten Herausforderung beim alljährlichen Plätzchenbacken. Den Enkel ohne Plätzchen gehen lassen? Undenkbar. Sie lernte kurzerhand, mit damals knapp 80, ein veganes Rezept. Und stach den Teig „ganz zufällig“ in Form von Schweineköpfen aus.

Damit war sichergestellt: Die Nachfrage an ihren Plätzchen würde nie sinken. Seit einigen Jahren erzählt sie mir Herbst für Herbst: „I glaub, dieses Jahr mach i koane mehr”. Kurz vor Weihnachten ist ihre Speisekammer jedes Mal voll mit einer Vielzahl großer Schüsseln. Darin: Marmeladenplätzchen, Vanillekipferl, Nussmakronen. Und die vegane Sonderversion. Was bleibt ihr auch übrig? Zwar hat sie sich letzten Advent als erfahrene Teleshopperin das Plätzchen-Set irgendeines Fürsten auf QVC bestellt, dann aber ein hartes Urteil gefällt. „Des wor nix Gscheids. Da schmeckn meine doppelt so gut. Oder zehnmal so gut!” 
Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Außer an dem Tag, an dem sie die Zimt- mit der Chilidose verwechselte und der Geschmack etwas… anders ausfiel.

Auf der entsprechenden Schüssel stand dann in ihrer geschwungenen, leicht zittrigen Schreibschrift: scharfe Plätzchen.

Als ich eineinhalb Jahre nach der Kartoffelzeit beschloss, meinen inzwischen angetretenen Vollzeitjob in Berlin wieder zu kündigen, um in Kolumbien meine große Liebe zu heiraten und vorerst dort zu bleiben, war von Omas Sticheleien Richtung Haushaltsschule kein Hauch mehr zu spüren. Stattdessen war sie erschrocken. Sie fragte: „Jetzt ziehst du da hin und bist einfach… Ehefrau?“ 

Eigentlich weiß ich, dass meine Oma es gut findet, dass ich mein Ding mache. Einmal verriet sie mir, eine Ausbildung als Friseurin oder Schneiderin hätte sie, die viel Wert auf Mode und Stil legt, sehr interessiert. Stattdessen musste sie früh als Magd auf Bauernhöfen anheuern. Ich versicherte ihr, dass ich auch in Kolumbien Arbeit und Projekte haben würde und mein Partner und ich uns die Arbeit gleichberechtigt aufteilen. Das schien sie zu beruhigen.

Letztlich ist Oma auf ihre Art Feministin, auch wenn sie es vielleicht nicht so nennt

Sie versteht nicht immer, was wir Enkelinnen und Enkel machen, aber sie steht hinter uns. Sie ist selbstbewusst, schlagfertig und lässt sich definitiv keinen Mist erzählen. Mit 87 fährt sie mit ihrem feuerroten Auto durch die Gegend. Den Heckaufkleber der Vorbesitzenden hat sie dran gelassen. Darauf steht, das O mit Teufelshörnern geschmückt: H O T.

Meine Ehe wurde so glücklich, wie ich gewusst und meine Oma gehofft hatte. Seit sie meinen Mann näher kennengelernt hat, behandelt sie ihn wie ihren eigenen Enkel – und er liebt seine „Oma“. Als wir diesen Januar zurück nach Deutschland zogen, war die Besuchslage durch die Pandemie erschwert. Doch immerhin: An ihrem 87. Geburtstag hatte sie die erste Corona-Impfung und wir zwei PCR-Tests hinter uns. So konnten wir kurz mit Maske ihr Geschenk übergeben. Keine geschmacklose Schürze, sondern etwas, das ihrer Eleganz würdig ist: Smaragd-Ohrringe aus Kolumbien. Sie trägt sie seitdem täglich.

Diese OMAge stammt von Rena Föhr, sie ist Gründerin von CHICA CON CICLO, einem Online-Angebot rund um Zyklusgesundheit. Durch journalistischen Content, Coachings und Onlinekurse wird dort die systematische Körperbeobachtung von Zervixschleim, Aufwachtemperatur und weiteren Zykluszeichen vermittelt. Ziel ist, körperliche und emotionale Schwankungen zu verstehen und dadurch das Wohlbefinden zu steigern. Auch über die Menstruation hat Rena bereits mit ihrer Großmutter gesprochen. Diese Erfahrungen im Internet für alle lesbar zu machen, war Oma Käthe aber leider zu suspekt. Was die Enkelin natürlich respektiert. 



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Henrike & Oma Inge: „Sisterhood ist heute ein Buzzword, aber sie hat’s schon immer gelebt”

Henrike & Oma Inge:

„Sisterhood ist heute ein Buzzword, aber sie hat’s schon immer gelebt”


Meine Nana nenne ich schon immer Großmutti, in den letzten Jahren auch mal Oma. Eigentlich heißt sie ja Ingeborg Emma, kurz Inge, und im April 2020 ist sie 100 Jahre alt geworden. Corona hat der runden Geburtstagssause allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht, gratuliert wurde dieses Jahr also nur telefonisch. Inge war eigentlich ganz froh, denn„wenn dann der Bürgermeister und der Pfarrer und wer weiß noch wer kommt, dann gerate ich ja richtig in Stress“, sagte sie mir. Außerdem seien so die vielen Fläschchen Likör verschlossen geblieben. Darüber war sie insgeheim auch recht froh. „Wer denkt denn bei allem Verstand, dass ich mir mit 100 Jahren hier mehrere Flaschen Likör einverleibe?“

Geboren zu Beginn der Goldenen Zwanziger hat meine Großmutti in einem Jahrhundert allerhand erlebt. Und oft fragen sich ihre vier Enkelinnen, was da noch so alles in dem Kopf an Erinnerungen stecken muss…

Hey Nana - Henrike & Oma Inge

Da ich mich beruflich viel mit Female Empowerment beschäftige und mich im Bereich PR auf starke Frauen und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit konzentriere, habe ich überlegt, wie ich unsere Oma und ihre Werte in meinem Kosmos verorte. Und die Antwort ist ganz klar: Ich sehe unsere Großmutti als Role Model, wie man heute so schön sagt.

Nach dem Abschluss der Schule hat sie eine Ausbildung zur Dentistin (heute Zahnärztin) begonnen und ist dafür jeden Tag von Lübeck nach Hamburg gefahren. Aber dann kam der Krieg dazwischen und sie musste ihren Berufswunsch leider aufgeben. Alles erst mal auf Null in Sachen Karriere – bis sie dann den Opa kennenlernte. Der war schon Artzt und kurzerhand organisierte Inge seine Praxis. Sie begleitete außerdem Hausbesuche und kümmerte sich stets um die Bücher. So stöhnt sie noch heute, wenn ich ihr sage, dass die Steuererklärung wieder ansteht – sie erinnert sich nämlich zu gut daran, wie sie immer mit dem Finanzamt zu schaffen hatte. Dass die Frau die Buchhaltung eigenverantwortlich regelt, war zu ihrer Zeit auch nicht gerade Standard. Ich bewundere sie sehr dafür, dass sie schon immer eine Macherin war, immer voll berufstätig.

Und noch was: Sisterhood ist heute oft nur ein Buzzword, aber Inge hat’s schon immer gelebt. Obwohl sie wahrscheinlich gar nicht weiß, dass es dieses Wort überhaupt gibt. Unsere Oma hatte zwei Schwestern, mit denen sie immer eng verbunden war, ihre jüngere Schwester ist nach San Francisco ausgewandert und selbst da hielt sie den Kontakt aufrecht – zu dieser Zeit auch nicht Standard, ohne Handys und Internet, ihr wisst schon. Und die Wichtigkeit des Schwesterbunds gab sie an ihre beiden Töchter weiter. Das Power-Duo ist ein Jahr auseinander, ist in eine Klasse gegangen, hat zusammen Abitur gemacht. Anschließend zog es die Beiden in eine WG nach Bonn zum Studieren. Bis heute sind sie sich die besten Freundinnen.

Vor allem um Rat fragen und Rat geben ist bei uns in der Familie sehr gefragt. Das ist auch auf meine Schwester Analena und mich übergegangen, unser Verhältnis ist genauso eng. Ja, es ist toll zu sehen, wie wir die Werte unserer Oma weiterleben und es bedeutet Inge auch sehr viel, dass sich die Sisters bei uns in der Familie so nahestehen.

Ney Nana - Henrike & Oma Inge

Das bedeutet auch, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Beim letzten Besuch bei meiner Oma habe ich mit ihr Bücher aussortiert und über eine App verkauft. Ziemlich begeistert trug sich das wie ein Lauffeuer durch die Familie. Meine Tante rief mich an und wollte wissen, was ich denn da genau gemacht habe. Für den nächsten Besuch hat Oma schon angekündigt: „Ich habe schon wieder ganz viel aussortiert für dein Handy“.

Wir gehen davon aus, dass wir dann im nächsten Jahr den 101. Geburtstag feiern, da hier bestimmt noch ein neuer Familienrekord aufgestellt wird. Der liegt bis jetzt bei Tante Ida mit 103. Wenn meine Oma dann manchmal sagt „das geht nicht mehr lange gut“, hab ich seit Jahren eine fröhliche Antwort für mein Sisterhood-Role-Model: „Ach, das hast du mit 95 auch gesagt…“

Hey Nana - Henrike & Oma Inge

Diese OMAge stammt von Henrike Redecker. Sie macht Frauen und deren Mission sichtbar, begleitet und berät in Sachen PR und Öffentlichkeitsarbeit.

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Jule & Oma Klara: „Ich rufe sie von Bali aus an, ungefähr alle zwei Wochen über Skype auf ihr Festnetz“

Jule & Oma Klara:

„Ich rufe sie von Bali aus an, ungefähr alle zwei Wochen über Skype auf ihr Festnetz“


Meine Omi, Klara Waibel, frische 95 Jahre alt, ist bis auf einen abnehmenden Hörsinn noch unglaublich fit und fidel. Ihren Mann, meinen Opi, hat sie zu früh verloren. Heute lebt sie mit 95 immer noch relativ unabhängig in ihrem Haus, die Söhne sind jedoch in unmittelbarer Nähe zum Unterstützen. Unser Austausch ist mir sehr wichtig und seit geraumer Zeit nehme ich unsere Skype-Gespräche auf. Ich will so viel noch von ihr wissen, so viel lernen – von der Frau, die es nie ganz leicht im Leben hatte, und doch eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlt. Ich fasse zusammen: 1925 geboren, älteste Tochter von Landwirten mit sechs Geschwistern, herangewachsen auf einem Bauernhof zur schlimmsten und prägendsten Zeit ihres Lebens, der Nazizeit. Sie hat früh gelernt, mit anzupacken und ihre eigene Bedürfnisse für das Allgemeinwohl hinten anzustellen.

Hey Nana - Jule & Oma Klara

Beschwert hat sie sich nie und ist in meinen Augen die gutmütigste und barmherzigste Person, die ich kenne. Selbstlos, schlau und unglaublich fleißig.

Ney Nana - Oma Klara

Das Telefon klingelt, Klara hört es erst spät. Als sie abnimmt, erzählt sie, sie wäre gerade im Garten gewesen und, dass der Herbst nun allmählich einkehre. Sie fragt, wie es uns so ginge. Denn drei ihrer Enkel – also meine zwei Brüder Benno und Carlo und ich – sind seit ungefähr sieben Monaten auf Bali „gestrandet“, zum einen wegen Corona und zum andere aber auch, weil wir von hier aus arbeiten. Carlo musiziert, Benno organisiert und ich male. Das hat Klara verstanden und auch, das wir spätestens an Weihnachten wieder zuhause sind. Sie erzählt, dass die Kinder meiner Schwester immer größer würden und dass es schön sei, sie aufwachsen zu sehen, eine neue Generation. Perfekter Zeitpunkt, um nun die erste Frage zu stellen, die ich mir für diesen Hey-Nana-Beitrag notiert habe – und mir bereits unter den Fingernägeln brennt.

Was hat sich in den letzten Generationen für dich geändert? Was kann meine Generation von deiner lernen?
Weißt du Jule, bei uns hat sich so viel geändert. Von unserer Kindheit an bis über die Zeit deiner Eltern, da hat sich sooo viel geändert – und so viel darf sich in und nach eurer Generation nicht mehr ändern, sonst ist die Umwelt komplett kaputt.

Du meinst, es wird für die Erde immer schlimmer?
Das Heute hat viele Vorteile, aber für die Natur viele Nachteile. Ich hab schon oft zu deinem Vater gesagt: ‘Unsere Generation hat die Umwelt nicht kaputt gemacht, das ist erst seit der Industrie, das der Abfall und alles so gewachsen ist. Seither geht es mit der Natur abwärts.’ Es hat also alles seine zwei Seiten.

Ja, das sehe ich auch so. Die Vor- und Nachteile unserer heutigen Welt. Wärst du gerne nochmal jung?
Ich möchte jetzt nicht mehr jung sein. Ich bin froh, dass ich so alt geworden bin und ja, auch einfach jetzt alt bin. Wir hatten unsere Zeit, wir passen nicht mehr hier her. Zumal auch viele meiner Generation nicht mehr leben. Es leben einfach nicht mehr viele, wenn man so alt ist.

Wenn alle Freunde und Geschwister langsam wegsterben… Fühlst du dich einsam?
Nein, ich hab ja noch euch, die Familie. Aber wenn man keine gute Beziehung zu den Enkeln und den Kindern hat, dann ist man verlassen. Also wenn man so alt wird. (lacht)

Was können die Jungen von den Alten lernen?
Also was ich immer sage, Jule, ist: Ihr hattet in eure Kindheit bzw. in eurem Leben nie sparen müssen. Ihr hattet viel und manches auch im Überfluss. Zumindest war immer etwas da. Und wenn da mal eine schlechte Zeit kommen würde, das sage ich immer, da würden die jungen Leute sich sehr schwer tun, weil sie es nicht gelernt haben. Wenn man alles gehabt hat, dann fällt es einem eben schwer, darauf zu verzichten.

Und noch was ?
(Überlegt eine Weile) Ja, man muss zufrieden sein… Und zueinander gut sein, und das seid ihr ja auch. Und vielleicht den Herrgott auch nicht vergessen.

Den Herrgott, ja…?
Ja! (lacht) Der steht über allem. Und der passt auf euch auf. Ich bete jeden Tag für euch und glaube, dass das auch einen Einfluss hat. Und wer hätte gedacht, dass ein Virus die ganze Welt auf den Kopf stellt und die Industrie und alles durcheinander bringt? Im 21. Jahrhundert, da sind doch alle so klug und gescheit, selbständig und können alles. Aber daran muss man auch denken. Das man nicht immer alles selbst regeln kann, dass es auch Dinge gibt, die über dem Alltag und über der ganzen Zeit in der wir leben, stehen. So was war ja noch nie?! Jule, du wirst lachen, … ach – jetzt hören wir auf!

Nein Oma, ich find es voll interessant!
Das bereden wir wann anders. Wie spät habt ihr denn? Ist es schon abends?

Ja, wir sind sechs Stunden voraus. Es ist halb fünf am Abend.
Bist du denn alleine? Sind dein Brüder in deiner Nähe?

Die beiden wohnen nicht weit entfernt von mir, aber ich bin gerade alleine in meinem Atelier und male.
Ach, toll! Du hast ja bald eine Ausstellung, hat mir deine Schwester erzählt, dann bist du also auch in Bali schon eine Künstlerin. Eine internationale Künstlerin. Gut (lacht). Mensch, was wir für Künstler in der Familie haben!

Oma, du bist doch auch ‘ne Künstlerin! Du bist doch so gut im Schreiben!
Ich hab das aber nicht gelernt. Das, was ich kann, ist die Erfahrung vom Leben, mehr nicht. Meine Mutter hatte zu mir gesagt, später als ich über zwanzig war und auf dem Hof nicht mehr so gebraucht wurde, jetzt kannst du ja einen Beruf lernen. Da wollte ich dann aber weiter arbeiten, etwas verdienen, das man auch was hat. Und damals war es auch nicht so mit Kindergärten und allem, da waren die Frauen halt zuhause mit den Kindern und die Männer haben gearbeitet. Das kam erst später mit der Industrialisierung und in der Stadt, das Frauen und Männer beide arbeiten gegangen sind. Aber in der Landwirtschaft, da kam man nie auf die Idee… weil man gebraucht wurde.

Unsere andere Omi hatte ja einen Beruf gelernt. Sie war Lehrerin, wie der Opi und sie lebten am Stadtrand mit ihren Töchtern, alle konnten studieren, das war anders als bei euch im Dorf. Was hättest du studiert, wenn du die Möglichkeit gehabt hättest?
Ich hätte etwas mit Handarbeit gemacht. Handarbeitslehrerin oder Berufe, in denen man mit den Händen etwas erschafft. So wie du das auch machst, das hätte mir auch gefallen.

Ich bin auch sehr dankbar, dass ich das tun kann. Es liegt also ganz viel am familiären Hintergrund, welche Möglichkeiten man hat?
Der Herr Professor hatte mich damals auch gefragt, was ich studiert hätte, wenn ich seine Tochter gewesen wäre und aus solchen Kreisen gekommen wäre, und ich habe ihm damals ohne Nachdenken geantwortet: Schriftstellerin! Damals in der Nachkriegszeit hatte es sooo viele Schicksalsschläge gegeben, da hatte man sich viel damit beschäftigt, darüber hätte ich geschrieben. Und weißt du was, Jule, der Professor hat mich damals nicht ausgelacht.

Also du hättest gerne über den Krieg geschrieben? Deine Erfahrungen und Erlebnisse, die dich geprägt haben?
Ich hätte gern, ja! Aber ob das jemand gelesen hätte, ist eine andere Frage. (lacht)

„Jule, ich bin eine alte Frau. Ich habe künstlerische Enkel, da kann ich doch sehr zufrieden sein. Ihr hattet gute Gelegenheiten, euch zu verwirklichen“

Aber du musstest auch kämpfen und auf vieles verzichten, als du damals 5 Jahre in London gelebt und studiert und nichts verdient hast und alles so teuer war. Das war schon auch eine schwere Zeit, nicht wahr?

Das stimmt. Es war nicht einfach. Aber ehrlicherweise auch eine der schönsten Zeiten meines Lebens – sehr intensiv und hart, aber schön, weil ich genau das machen durfte, was mir am Herzen lag. Gestalten, kreieren, Design, Kunst.
Und dein Ehrgeiz und Fleiß waren groß genug, dass du die Jahre durchziehen konntest. Der Fleiß hat sich ausgezahlt.

Ja, der waiblerische Fleiß und die künstlerische Ader der Maiers Familie. Was haben denn deine Eltern gearbeitet?
Der Bruder meiner Mutter war Studienrat, die Schwester war Lehrerin in Stuttgart, doch die Nazis hatten das Institut verboten. Mein Vater war Bauernkind, sein Vater hatte noch Pferde und eine Kutschen. Da wurde man im Winter mit der Schlittenkutsche zum Bahnhof geführt.

Kaum mehr vorzustellen. Und das ist gerade mal vier Generationen her.
Man hatte noch Knechte, weil es die ganzen Maschinen, die es heute gibt, noch gar nicht gab. Und da war auch das Fleisch noch gut, weil die Tiere besser gehalten wurden und man nicht so viel konsumiert hatte. 100 Ferkel im Stall oder Hühner, das hätte sich kein Bauer getraut… Also die Tiere tun mir schon leid heute, das ist schlimm. Da geht es allein um’s Geld. Das war früher auch nicht so.

Du sagst es, Oma. Die Tierhaltung, unsere Erde, was ist nur passiert? Das ist auch der Grund, warum ich vegan geworden bin. Würdest du sagen, früher war alles besser?
Das kann man so nicht sagen. Immerhin hatten wir ja auch die Nazizeit, die zwölf Jahre gedauert hat und den große Krieg usw. Da kann man von besser nicht reden.

Das muss eine schlimme Zeit gewesen sein…
Die, die den Mund aufgemacht haben, sind an die Fronten geschickt worden. Es war keine ehrliche Zeit. Keine Demokratie und nichts durch Hitler … Aber Jule, jetzt hören wir auf. Sag bitte viele Grüße an deine Brüder und passt auf euch auf. Und kommt bald wieder. Dass wir uns nochmal sehen.

Na klar, Omi. Wir kommen bald.
Bali ist schon eine schöne Insel. Ich habe letztens im Fernsehen etwas darüber gesehen. Eine richtige Südseeinsel.

Ja, es ist wirklich sehr schön hier. Das Meer, der Dschungel, die Reisfelder. An welche Orte bist du denn schon in deinem Leben verreist?
Zum Urlaub machen? Also wir waren meistens in Österreich, im Gebirge. Und dann war ich einmal in Südfrankreich. Und dann war ich einmal in Rom, am Vatikan, zu meinem 70. Geburtstag. Das hatten mir meine Kinder damals geschenkt. Und sonst war ich nirgends im Ausland. Weißt du, mein Neffe war doch mal für ein paar Jahre an einem Gymnasium in Kairo, später war er in Hong Kong an einer Schule und hatte uns immer eingeladen, ihn mal zu besuchen.

Und warum habt ihr das nie gemacht?
Der Opa hatte nie Zeit und meinte immer, später, wenn wir älter sind. Und mein Neffe hat von den Pharaos erzählt und den Gräbern und wir hätten nur kommen müssen und uns um nichts kümmern, aber… ist halt nichts geworden. Weißt du, verschieben ist auch so eine Sache. Dann lebt ein Teil nicht mehr und dann ist es schon zu spät.

Denkst du das Leben vergeht schnell?
Ja, das tut es.
Also Julchen, jetzt hören wir aber auf. Das Gespräch wird sonst zu teuer. Du machst das schon richtig …Passt auf euch auf und kommt bald wieder. Lebt wohl, gesund und zufrieden. Bis bald, ist ja nicht mehr so lange. Und kommt gesund wieder!

Sie legt auf, ich den Pinsel zur Seite und gehe kurz in mich.

Der Mut, der mir vermittelt wurde, einfach mal zu machen und meine Träume zu verwirklichen, darum zu kämpfen und arbeiten, war möglich, weil es den Raum dafür gab.

Was Oma in ihrer Jugend erleben musste, ist für meine Generation kaum vorstellbar. Und hier steht sie im hohen Alter und möchte nur, dass es allen gut geht und man Gutes füreinander tut. Vielleicht kann ich ihr etwas zurückgeben, indem ich ihre Geschichten festhalte und sie den Menschen zum Lesen gebe.

Ich hab noch so viele Fragen. Der nächste Anruft folgt bald.

Hey Nana - Jule & Oma Klara: „Ich rufe sie von Bali aus an, ungefähr alle zwei Wochen über Skype auf ihr Festnetz“

Diese OMAge stammt von Jule Waibel (34). Eine Frau mit  viel Kreativität und Oma-Liebe: Die gebürtige Schwäbin arbeitet von Bali und Berlin aus als Designerin und Künstlerin. Bekannt ist sie vor allem für ihre außergewöhnlichen Falten-Designs (vom Möbelstück bis hin zum Wow-Kleid) – und das passt irgendwie thematisch, denn bei HeyNana werden schließlich die faltigen Ladies gefeiert.

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