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Autor: Maki

Annalena Baerbock: „Oma würde heute zu mir sagen: Mach alles, damit der Frieden gesichert bleibt!“

Annalena Baerbock: „Oma würde heute zu mir sagen: Mach alles, damit der Frieden gesichert bleibt!“


Hier geht es nicht um die Politik von Annalena Baerbock, wir sind bei HeyNana, hier geht’s um prägende Großmütter. Wobei, so ganz trennbar ist das bei unserer Außenministerin nicht – das politische Engagement habe sie schließlich von Oma. Aber von vorne: Alma Choroba hieß Annalenas Oma mütterlicherseits und ihr verdankt Annalena nicht nur Wertevorstellungen und Lektionen, sondern auch einen ihrer Vornamen. Gestatten, Annalena Charlotte Alma Baerbock, die erste Frau an der Spitze des Auswärtigen Amtes.

Fragt man die Grünen-Politikerin nach ihrem Vorbild, dann fällt immer ein Name: Alma, ihr Kraftmensch und ihre größte Inspiration, denn, so Annalena in einem kurzen Gespräch mit HeyNana, die Großmutter hätte immer ihre Vision für eine friedlichere und nachhaltigere Welt inspiriert.

Hey Nana - Annalena Baerbock

„Wir verdanken unseren Großmüttern, dass meine Generation und jüngere in Frieden leben konnten, denn die haben dieses Europa mitaufgebaut. Und es ist an uns, dieses Europa, das sie geschaffen haben, jetzt zu verteidigen.“

Der Antrieb kommt aus der Familienhistorie. Alma wurde 1926 in Oberschlesien (heute Polen, damals noch dem Deutschen Reich zugehörig) geboren, sie hat den Krieg als junges Mädchen miterlebt. Sie heiratet jung ihre erste große Liebe: Viktor. Doch der fällt im April 1945 in der Schlacht um Königsberg. Über den großen Schmerz der Kriegsjahre spricht Alma mit ihrer Enkelin – und zwar um stets klar zu machen, dass Frieden nicht selbstverständlich ist.

1958 siedelten Annalenas Großeltern aus Polen nach Niedersachsen über. Die ersten zwei Jahre verbrachten sie in einem Lager ganz in der Nähe von Hannover, bevor sie eine eigene Wohnung beziehen konnten. Alma Choroba arbeitete als Reinigungskraft in einer Sparkassenfiliale, in Annalenas Biografie („Jetzt: Wie wir unser Land erneuern”) schreibt sie darüber, dass sie als Kind oft mit dabei war und in den Geschäftsräumen spielte. Sie erinnert sich auch gern an die gemeinsame Zeit im Schrebergarten. Oma Alma las täglich Zeitung und war immer über die Weltlage informiert, bis zu ihrem Tod 2015 mahnte sie unablässig zum Frieden.

Sprung ins Jetzt: Es ist 2024 und Frieden scheint fragil. Die Erinnerungen an die dunklen Kapitel der europäischen Geschichte und die vermeintlichen Lehren aus den beiden Weltkriegen sind präsenter denn je. Da ist Besorgnis, da ist Anspannung und da ist Schmerz. Wo anfangen? Der Krieg in der Ukraine hat die Grenzen des Friedens auf unserem Kontinent wiederaufgezeigt und die geopolitischen Spannungen verstärkt. Wir sehen die humanitären Katastrophen, im Sudan, im Kongo, im Gazastreifen, auf der ganzen Welt und die massiven Fluchtbewegungen – auch durch die direkten Folgen der Klimakatastrophe. Laut EU-Kommission benötigen in 2024 fast 300 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Gleichzeitig erleben wir einen Anstieg an Antisemitismus und Rassismus in Deutschland und das „nie wieder“, das uns an die Zeiten, die Almas Generation erleiden mussten, erinnern soll, scheint plötzlich wie ein leeres Versprechen.

Es ist Annalena Baerbocks Job, den Frieden zu sichern. Unter anderem. Was würde Alma heute am Kaffe-Tisch zu ihrer Enkelin sagen? Was würde sie zur Europawahl und auch zu ihrem Job sagen? Da überlegt Baerbock nicht lange: „Ihre Hauptbotschaft wäre, mach alles, dass unser Frieden gesichert bleibt! Meine Oma ist die Generation, die den Krieg in seiner vollen Härte miterlebt hat. Und sie hat mir immer gesagt, Annalena, Frieden ist das Wichtigste und denke immer an die Frauen, weil auch sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung als Kriegsmethode eingesetzt wird – was wir auch in der Ukraine erleben von russischen Truppen genau wie die Verschleppung von Kindern. Im Krieg leiden die Schwächsten am meisten, würde sie sagen.“

Dieser Beitrag ist keine klassische OMAge. HeyNana-Initiatorin Edith Löhle nutzte die Chance, mit Annalena Baerbock am Rande der Pressekonferenz der Grünen zum Tourauftakt der Europawahl in Berlin über ihre Oma Alma zu sprechen.

Danke für die Realisation an die Agentur People Person. Foto: Grüne im Bundestag, S. Kaminski

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Amélie & Oma Annemarie: „Dieses Schweigen meiner Großmutter war das laute Schweigen des Großteils einer ganzen Generation. Mich prägt es vielleicht bis heute. “

Amélie & Oma Annemarie

Ich habe Panik, dass ein falsches Wort meinerseits dazu führen könnte, dass meine Großmutter post mortem gecancelt wird


Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, wollte ich meine Großmutter anrufen und ihr Fragen stellen. Ich sah sie vor meinem geistigen Auge an ihrem runden Esstisch sitzen, vor sich Eier und Räucherlachs, hinter sich ihre geliebte dunkelgrüne Wand. Das Esszimmer war das Zentrum ihres Universums, regelmäßiger Treffpunkt der Familie unter ihrem eisernen Regiment. „Wie war das im Krieg?”, hatte ich sie als Kind einmal gefragt. Sie schwieg damals lange. Furchtbar sei es gewesen, war alles was sie sagte. An diesem Abend steckte sie meine Bettdecke noch fester als sonst unter die Matratze, bevor sie die Tür schloss und ich kurz darauf nur noch die große Wanduhr im Flur ticken hörte. Dieses Schweigen meiner Großmutter, das ich so zum ersten Mal wahrnahm, war das laute Schweigen des Großteils einer ganzen Generation. Mich prägt es vielleicht bis heute.

Ich kann meine Großmutter nicht mehr anrufen und ihr Fragen stellen, denn sie ist bereits verstorben. Aber seit diesem Tag im Februar, an dem ich sie so deutlich vor mir sah, will ich über sie schreiben. Jedoch weiß ich nicht, ob ich dies überhaupt kann oder darf. Aus zwei Gründen: Wir hatten eine schwierige Beziehung und Oma war Deutsche, so wie ich. Will ich über sie und unser Verhältnis sprechen, muss ich auch auf die Erfahrung einer Deutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg Bezug nehmen. In einem Jahr, in dem die AfD voraussichtlich die Landtagswahlen in mehreren Bundesländern gewinnt, rassistische und antisemitische Angriffe sich in der ganzen Welt häufen und die öffentliche Debatte in Deutschland so heiß läuft wie noch nie zuvor, scheint solch ein Text riskant. Zu schnell kann er missverstanden werden. Ich habe Panik, dass ein falsches Wort meinerseits dazu führen könnte, dass meine Großmutter post mortem gecancelt wird. Oma würde mich wahrscheinlich nur verständnislos mit blauen Augen anschauen und mich dann achselzuckend in ihre Küche mitnehmen, um mir zu zeigen, wie man möglichst elegant Schokopudding über Dosenbirnen in kleine Glasschälchen kippt.

Oma Annemarie und Amelie_Über das Schweigen

Während die Taten des Nationalsozialismus unverzeihlich sind, so ist die Erinnerung an Familienmitglieder nicht immer nur schwarz oder weiß. Ich will mit Empathie an meine Großmutter denken, auch wenn ich sie oftmals nicht ausstehen konnte. Meine Mutter verspricht mir zu helfen und versucht, meine Wissenslücken mit Fotos und ihren eigenen Erinnerungen zu füllen. Während wir telefonieren und über Oma sprechen, müssen wir beide weinen – kurz darauf streiten wir heftig. Meine Mutter ist ebenfalls ein Buch mit sieben Siegeln und ich fühle mich oft missverstanden, wenn wir über die Familie sprechen. Mama geht es in der Beziehung mit mir wahrscheinlich ähnlich. Einige Stunden später sitze ich am Fenster meiner Pariser Wohnung und suche das Licht des Eiffelturms.

Während die Welt draußen sich immer schneller dreht, verschwimmen Bilder aus meiner Kindheit mit den Erzählungen meiner Mutter und werden zu Fiktion. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, wenn ich mit Freundinnen und Freunden rede, die zögern, ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen, oder wenn Sicherheitsexpert*innen nach Ende eines Interviews von Angst sprechen.

Meine Großmutter hieß Annemarie Leister, geboren 1929 in Thüringen. Sie war 16 Jahre alt, als der Krieg endete und die russische Besatzung begann. Dort setzt die Erzählung meiner Mutter ein. Über die Kriegsjahre sprechen wir am Telefon nicht, was mich nicht überrascht. Ich frage gar nicht erst danach und mache mir hastig Notizen, während Mama sich an ihre Mutter erinnert, was nicht oft passiert. Beide Frauen sprachen zu Lebzeiten eher selten miteinander. Oma Annemarie’s Vater war Lehrer und Parteimitglied, erfahre ich so zum ersten Mal. Ob er die Propaganda glaubte, ob meine Großmutter sie glaubte, ich weiß es nicht. Parteimitglieder durften nach Kriegsende nicht arbeiten, erzählt meine Mutter, die Familie hatte also kein Auskommen. Annemarie ist das älteste von vier Kindern und beginnt direkt nach dem Abitur als Sekretärin zu arbeiten. Was sie verdient, tritt sie zuhause ab. Sie kümmert sich um ihre Geschwister und wird für sie zur Bezugsperson, schließlich finanziert sie die Ausbildungen für alle drei. Jeden Abend läuft sie von der Arbeit nach Hause und wartet auf Zeichen ihres Vaters. Sind russische Soldaten in der Nähe, dreht sie wieder um und kommt anderswo unter. Begegnet sie Soldaten auf der Straße, versteckt sie sich am Straßenrand. Ich frage mich, ob ich ihre Kraft gehabt hätte. Ich frage mich, was ihr damals durch den Kopf ging. Während meine Generation sich auf sozialen Medien profiliert, vergrub meine Großmutter ihr Gesicht im Straßengraben. „Oma wollte Lehrerin werden”, so meine Mutter. Stattdessen verhandelte sie mit den Russen, brachte die Familie in den Westen und verlobte sich 1955 mit meinem Großvater. Sie legte ihre Träume ab wie ihren Mädchennamen.

Dialog mit Erinnerung

Ein Haus wie das andere, der Garten mit der großen Terrasse und den vielen Spatzen, Omas Paradies. Der Zierbrunnen, in welchen ich als Kind zum großen Ärger meiner Familie mit großer Freude Steine warf, immer makellos. Wir waren selten bei meinen Großeltern zu Besuch. Am häufigsten wahrscheinlich, als ich noch ein Kleinkind war. Ich war Asthmatikerin und dauernd krank, nahm jeden Tag mehrmals Medikamente. Auch meine Großmutter hatte Asthma, erinnert sich meine Mutter. Oma sprach jedoch nie darüber und ging stattdessen nach Atem ringend und würgend ins Nebenzimmer, damit meine Mutter es nicht merkte. Oma wollte niemandem zur Last fallen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, zu ersticken und frage mich bis heute, wie sie ohne Kortison zurechtkam.

Während mein Großvater mir als Kind vorlas und ich Medikamente inhalierte, hantierte Oma in der Küche, um für alle zu kochen. Immer wenn sie buk, durfte ich die Schüssel mit Teig auskratzen. Essen war die einzige Sprache meiner Oma. Nicht nur ihre Sprache der Liebe, Ernährung war für sie auch Kontrolle. Sie entschied, was auf den Tisch kam und wer nicht genug aß, fiel in Ungnade. Ich erinnere mich nicht, wie ich mich als Kind in Omas Gegenwart gefühlt habe, aber sie wird ihre Familie sehr geliebt haben. Nur aus ihrem Panzer ausbrechen, sich verletzlich zeigen, um Hilfe bitten, das konnte sie nicht. Später wurden die Besuche bei den Großeltern seltener. Oma kam noch zu meinen Geburtstagen oder wir sahen sie an Nikolaus. Je älter ich wurde, desto mehr spürte ich die Anspannung meiner Mutter bei diesen Treffen. Als ob sie beweisen müsste, dass sie alles könne: Perfekte Mutter, perfekt Hausfrau, perfekte Karriere. Ich hatte mir als Kind oft gewünscht, dass man als Familie einfach gemeinsam am Tisch sitzt und lacht. Schließlich habe ich beide Frauen geliebt.

Oma Annemarie _ Erinnerung

Ich denke manchmal, ich muss meine Großmutter sehr enttäuscht haben. Anstatt in der Rolle als liebevolle Tochter, Schwester und zukünftige Ehefrau aufzugehen, wollte ich etwas anderes. Ich wollte lernen und studieren, vor allem wollte ich mich nicht deutsch fühlen. Das Deutschsein war für mich schmerzhaft, bis heute schreibe ich ungern in meiner Muttersprache. Ich arbeitete als Model und Journalistin, während Oma wahrscheinlich vergebens auf meine Verlobung wartete. Dass sie meine Hochzeit – so ich denn eines Tages heiraten werde – nicht mehr erleben kann, macht mich seltsam traurig. Das Mädchen in mir will es ihrer Großmutter wohl noch immer Recht machen, auch wenn es beinahe an dem Versuch zerbrach.

Eine Frau war für Annemarie weniger wert als ein Mann. So brachte sie mir bei, meinem Bruder alles hinterherzutragen und nicht zurückzuschlagen, sie schenkte mir Geschirr für die Aussteuer und brachte mir liebevoll das Backen bei. Andererseits bezeichnete sie mich auf Familienfeiern als schwarzes Schaf und schaute missbilligend auf meine kurzen Haare und langen Beine. Sie schwieg zu Politik, sie schwieg zum Krieg, sie schwieg zu meinen Träumen, also begrub auch ich sie lange Zeit.

Bis heute weiß ich nicht, was für ein Mensch meine Oma war.

Wie ich, wollte auch meine Mutter dem Leben als Hausfrau entkommen. Mama floh vor den Geschichten aus der russischen Besatzungszeit nach Frankreich und Italien, um sich selbst und später ihren Kindern im Süden ein neues Zuhause zu geben. Sie ging in den 70ern und 80ern als Feministin auf die Straße, gab Frauenreiseführer heraus und drehte Filme. Sie schaffte, was für viele Frauen ihrer Generation unmöglich war: Sie hatte Kinder und eine Karriere, auf die sie stolz war. Um die Kraft dafür zu haben, sprach sie so gut wie nie mit ihrer Mutter. Und wenn Mama doch ab und an den Stuhl ans Telefon im Wohnzimmer rückte, kurz Luft holte und die Trierer Vorwahl tippte, wusste ich immer, was kam. Entweder sie schwieg nach dem Telefonat, oder sie weinte. Meine Mutter hatte nach den Gesprächen mit Oma immer ein schlechtes Gewissen.

Ich denke oft, dass ich ganz anders bin als meine Großmutter und Mutter, liebevoller. Zugleich weiß ich, wie viel von beiden ich in mir trage. Das Schweigen beider Frauen wurde zu meinem Bedürfnis, über alles zu reden und zu schreiben. Der Kampf meiner Mutter wurde mit zum Beweggrund vieler meiner beruflichen Entscheidungen. Die Scham, mit dem Nationalsozialismus direkt oder indirekt in Verbindung zu stehen, erlaubt mir, anderen zuzuhören. Die Träume, die meine Großmutter nicht leben konnte, sind mein größter Antrieb.

Ich habe keine Lösung für die aktuelle Angespanntheit im deutschen öffentlichen Raum. Es fühlt sich für mich auch anmaßend an, diese überhaupt zu suchen. Was ich von der Beziehung mit meiner Großmutter gelernt habe, ist, dass man manchmal Schweigen akzeptieren muss – ob man will oder nicht. Dass man aber auch einem schweigenden Menschen zuhören kann. Dass man lieber versöhnlich sein sollte, als vorschnell zu urteilen. Dass es keine einfachen Antworten gibt, dass eine jede Person eine eigene Wahrheit lebt und dass es sich lohnt, diese zu suchen. Vielleicht ist es das, was uns gerade fehlt. Ein Raum, in dem wir einander wirklich zuhören.

Meiner Mutter habe ich den Text geschickt und sie fand ihn gut. „Oma würde es nicht ganz verstehen, aber sich insgeheim freuen. Sagen würde sie natürlich nix”, kam als Antwort aufs Handy.

Hey Nana - Jadu und Oma Maria

Diese OMAge stammt von Amélie Baasner. Sie ist studierte Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin. Seit 2018 arbeitet sie als freie Journalistin in Deutschland, Frankreich und Italien. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Feminismus, Subkultur und Fotografie, aber auch Menschenrechtsthemen und Klimawandel. Sie setzt sich vermehrt für eine europäische Öffentlichkeit und die Kooperation europäischer Leitmedien ein.

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Toja & Omimi Lilo: Zuhause friedlich sterben, das wünschen sich viele. Doch was bedeutet es, diesen Wunsch zu erfüllen? Toja schreibt von den letzten Monaten mit ihrer krebskranken Nana.

Toja & Omimi Lilo

„Ich setze mich zu dir und deine Hand findet ein letztes Mal meine. Während dein Herz langsam aufhört zu schlagen, klopft meines lauter als je zuvor. Als will es sagen: Ich schlage für dich weiter, keine Sorge.”


Die Trauer ist ein seltsames Gefühl. Zweieinhalb Jahre nach deinem Tod verschwindet sie oft wochenlang, als wäre sie nie da gewesen. Und dann bringt mich ein Paar Socken zum Weinen. Die Socken sind gepunktet und erscheinen in einem Dokumentarfilm. Eine erwachsene Tochter zieht ihre pflegebedürftige Mutter an. Junge Hände streifen behutsam über geschwollene Füße und faltige Knöchel. Plötzlich habe ich Sehnsucht nach deinen Socken, Omimi. Sie waren hellblau und an den Fersen schon ganz ausgelatscht, aber zum Flicken fehlte dir die Kraft und mir das Geschick.

Frühling, 2021. Gerade habe ich deine Füße gewaschen und eingecremt. Ich knie auf dem Fliesenboden in deinem Bad und schaue zu dir hoch. Du windest lachend deinen Fuß hin und her, versuchst, mir das Anziehen leichter zu machen. „Vertauschte Rollen“, stellst du fest, und erinnerst dich wohl an eine umgekehrte Situation vor etwa 25 Jahren. Da hast du mir die Socken angezogen, weil ich es noch nicht konnte. Jetzt übernehme ich Schritt für Schritt das, was du nicht mehr kannst. Das Leben läuft vorwärts und rückwärts zugleich, in runden Kreisen. Meines begann mit dir und deines wird mit mir enden. Aber bis zum Ende bleibt uns noch etwas Zeit zum Lachen. „Einsteigen bitte“ sage ich jetzt, und halte dir deine Klettsandalen hin. Dann hänge ich mir das Sauerstoffgerät um, schiebe deinen Rollator in den Aufzug und wir gehen spazieren.

Hey Nana - Jadu und Oma Maria

„Für so etwas hat man heute doch Personal“, schreibt mir ein nahestehendes Familienmitglied, als ich dich gerade ins Bett gebracht habe. Zuhause sterben? Früher, ja, da musste man das noch zusammen durchstehen, als Familie. Aber heute gäbe es doch Einrichtungen. Mit geschultem Personal: Menschen, die wüssten, wie man Socken anzieht, die man dafür bezahle. Das müsse doch keine Enkelin auf sich nehmen. Meinen Entschluss, dich zu pflegen, habe ich selbst nicht kommen sehen. Vor deiner Krebsdiagnose habe ich mit derselben Bewunderung, demselben Respekt, demselben Unverständnis auf Geschichten wie unsere reagiert. Aus der Ferne klang es schaurig: Dich in den Tod pflegen. Von Nahem betrachtet, muss ich feststellen: dein Tumor nimmt uns gemeinsame Zeit, und schenkt sie uns doch. Er wächst aggressiv, lange wirst du meine Hilfe nicht brauchen. Für ein paar Wochen kann ich mein Leben pausieren und bei dir einziehen. Wir haben Glück: Der Krebs tobt in deinem Bauch, streut in Leber und Lunge, aber dein Kopf bleibt verschont. So bist du genau die Person, die ich ein Leben lang kennengelernt habe. An deinem Blick, deiner Haltung, kann ich ablesen, was du brauchst: vom Wasserglas über die Lymphdrainage bis zu den Bratkartoffeln zum Mittagessen. Ich kaufe ein, wasche Wäsche, backe Kuchen, drehe deine Haare in Lockenwickler. Unser Rollenwechsel verläuft reibungslos, ohne viele Worte. Als wäre ich deine Zweitbesetzung, die 28 Jahre lang auf ihren Einsatz gewartet hat. 


Mein Lohn dafür ist Zeit mit dir. Wir blättern uns durch alte Fotoalben, schreiben deine Erinnerungen auf, kaufen schallend lachend Umstandskleidung für deinen wachsenden Bauch, unterhalten uns abwechselnd mal über den Sinn des Leben, mal über die Einkaufsliste. In den ersten Monaten gelingt es mir, meine Traurigkeit herunterzuschlucken. Den Abschiedsschmerz auszuknipsen, so wie du es mit dem Fernseher machst, wenn ein trauriger Film läuft. Negativen Gefühlen bist du schon immer aus dem Weg gegangen. Man darf den Kopf nicht hängen lassen, sagst du. Also halte ich ihn mit aller Kraft oben. Bis wir eines nachmittags im Nähzimmer sitzen und ich daran denke, wie wir noch vor einem Jahr die Gardinen für dieses Zimmer ausgesucht haben (hell und fröhlich, mit kleinen Vögelchen). Mit Sorgfalt hast du deine neue Seniorenwohnung ausgestattet, damit du noch viele Jahre gerne aus dem Fenster schauen wirst. Umsonst. Alles, alles unwichtig. Die hässlichen Gardinen lachen mich spöttisch aus. Hätte ich dir mal zu etwas Modernerem geraten. Da habe ich nun den Salat, Rüschenvögel sind eben nicht zeitlos. In ein paar Monaten, Wochen, Tagen, werden sie in einem Container landen. Du sitzt neben mir an der Nähmaschine, nimmst all deine Kraft zusammen um letzte Löcher in meinen Hosen zu flicken. Du wirst keine Zeit mehr haben, mir das Flicken beizubringen. Wir werden keine Zeit mehr haben. Als ich aus Versehen schluchze, drehst du dich erschrocken zu mir um. „Oh nein“, sagst du „nicht weinen“. Du beugst dich über deinen Rollator, streckst deine Arme nach mir aus. Und dann weine ich in dein pinkes Stretch-T-Shirt mit den Strasssteinen. Das, von dem ich vor kurzem noch dachte, dass es dich älter macht, als du bist. Dabei bist du alt, älter, am ältesten. 84 Jahre, älter wirst du nicht mehr. „Wir hatten doch noch so viel vor“, sage ich und hinterlasse einen immer größer werdenden dunklen Fleck auf dem Pink an deiner Schulter. „Ich weiß, mein Kleines,“ sagst du, und es klingt wie „es tut mir leid“. Die Rollen wechseln hin und her. Ich bin es, die dich trösten müsste, weil du das Leben verlierst. Stattdessen singst du „Heile heile Segen“ für mich, weil ich dich verliere.

Deine Ärzte hatten dir noch drei Monate gegeben. Das war im November, jetzt ist es Juli. Die Einrichtungen mit dem geschulten Personal sind nun doch Thema. Zwischen dem Traumschiff und André Rieu wägen wir abends gemeinsam deine Optionen ab, während wir ratlos auf diesen Zug warten, der dich zu deiner letzten Reise abholen soll und für den es doch keine Ankunftszeit gibt und kein Gleis.

Dich plagt das schlechte Gewissen. Du willst nicht, dass ich mein Leben verpasse. Grübelnd sitzen wir gemeinsam auf deinem Pflegebett. Wir schauen uns Broschüren vom nächstgelegenen Hospiz an, das doch zu weit entfernt ist von deinem vertrauten Umfeld. Testen nächteweise das Pflegeheim im Stockwerk unter deiner Wohnung, warten dreißig Minuten lang auf Personal, nachdem wir den Notknopf gedrückt haben. Schauen uns an und wissen: das ist es nicht. So soll es nicht enden. Stattdessen lerne ich, deine Fentanylpflaster zu wechseln, die Atemmaske anzulegen, dir bei Atemnotsanfällen Beruhigungstabletten in die Backentasche zu stecken. In schwächeren Wochen deine Zähne im Bett zu putzen, den Toilettenstuhl zu leeren. In der größten Not die Nummer vom ambulanten Pallativteam zu wählen. Die Morphinspritzen liegen inzwischen in deinem Kühlschrank, direkt neben der Butter, aber zum Verabreichen brauche ich Hilfe. Das Pflegen setzt Ängste und Ekel außer Kraft. Nur gegen meine Spritzenphobie kommt die Liebe zu dir nicht an.

Pflege und Entertainment: Toja und Lilo beim Lesen

Deinem Tod aber will ich mutig in die Augen sehen. In diesen letzten Monaten teilen wir uns dein Ehebett. Ich schlafe auf Opas Seite, die seit zwei Jahren leer ist. Die neue Routine ist schnell vertraut: ich lagere deine geschwollenen Beine auf zwei große Kissen, gebe dir eine Schlaftablette und deine Atemmaske. Vor den nächtlichen Atemaussetzern hast du mir noch vorgelesen. Als das Beatmungsgerät einzog, habe ich auch diese Rolle übernommen. Sobald du schläfst, bereite ich mich auf dein Sterben vor als wäre es eine Schulprüfung, öffne zahllose Tabs: „todesanzeichen erkennen“ – „sterbender person helfen“ – „todesprozess wie lange“. Wann der Zug eintreffen wird ist immer noch unklar, aber das Internet bereitet mich auf seine Ankunft vor. Als er im September ganz plötzlich am Gleis steht, fehlen alle klassischen Anzeichen und trotzdem weiß ich es ganz intuitiv. Wir sind alleine in deinem Wohnzimmer, vor ein paar Tagen hast du von hier aus noch die Vögel beobachtet. Jetzt willst du endlich fliegen. Ich setze mich zu dir und deine Hand findet ein letztes Mal meine. Während dein Herz langsam aufhört zu schlagen, klopft meines lauter als je zuvor. Als will es sagen: Ich kann das jetzt alleine. Es ist unser letzter Rollenwechsel. Der Kreis ist geschlossen. Ich schlage für dich weiter, keine Sorge. Ich kann das jetzt alleine.

Das nahestehende Familienmitglied, das mir von deiner häuslichen Pflege abgeraten hatte, sitzt einige Stunden später neben dir und gesteht betreten, sich nicht an die letzte lange Unterhaltung mit dir zu erinnern. Da weiß ich: wir haben alles richtig gemacht.

Wenn ich sage, dass diese Monate mit Omimi die besten meines Lebens waren, dann ist das keine reine Plattitüde. Ich meine das so. So hat es sich jeden Tag angefühlt, auch wenn ich traurig, wütend, genervt oder hoffnungslos war. Oft hatte ich Angst, mich zu sehr an sie zu gewöhnen. Immer mehr Zeit zu wollen, nicht genug zu kriegen. Doch wenn ich heute von der Endlosschleife aus Kaffee und Kuchen, Buchhandlungsbesuchen, Pizzawaffeln im Garten und Nächten im Nähzimmer träume, dann weiß ich, dass Omimi irgendwann sowieso sagen würde, dass es ihr jetzt reicht. Eine Plauder-Oma war sie nicht. In ihrer Welt kamen die besten Sätze zügig zum Schluss. Die schönsten Momente waren schön, weil sie irgendwann ein Ende hatten. Banale Alltagssituationen in Dokus können mich heute zu Tränen rühren, weil ich weiß, wie endlich sie sind. Weil jedes Kind irgendwann selbst lernt, sich die Socken anzuziehen. Und jede Oma irgendwann keine Socken mehr braucht.

Hey Nana - Jadu und Oma Maria

Diese OMAge stammt von der Content Produzentin und Journalistin Victoria Deborah (Toja), die seit 12 Jahren im Ausland lebt. Erst in Melbourne und dann in Kopenhagen fehlen ihr neben ihrer Omimi in der Ferne vor allem die Spätzle.

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Tanja & Oma Ringel: „Zum Inventar unseres Hauses gehört Oma Ringel. Welch schöner Bonus in meinem Leben, denn ich bin nicht mehr omalos”

Tanja & Oma Ringel

Vom Glück einer Bonus-Oma.


Moin. Ja, in Hamburg da secht wi Moin oder ganz förmlich „Guten Tag“. Ich bin Tanja, fast 43, was sich seit Jahren eher wie Mitte 20 anfühlt. In meinen Genen fließt das Blut eines waschechten wortkargen Hanseaten und einer polnisch-deutsch-schwedischen, überhaupt nicht wortkargen, Mutter. Herausgekommen bin ich: eine Teilzeit-Extrovertierte, manchmal leicht spirituelle Tochter, die an Mondphasen glaubt, an Familie und Werte, die ihre eigene Meinung vertritt und Kaffee als Lebenselixier auch intravenös genießen würde.


Mein Sohn ist 19, studiert, hat 2021 seine eigene Firma gegründet und wohnt auch nicht mehr im Hotel Mama. Was ich schade finde, denn mein egoistisches Selbst hätte ihn gerne noch eine Weile bei mir gehabt. Ja, loszulassen fiel mir schwer – auch wenn ich dachte, dass ich gar nicht klammere. Pfft. 
Habe ich doch manchmal leicht herablassend über die „Helikopter Mamas“ geschimpft. 
Auf die emotionale Reise des Flügge-Werdens war ich nicht vorbereitet und musste selbst erkennen, wie wichtig es ist, sein Kind in die Welt zu entlassen.

Mit dem Auszug meines Sohnes stand bei mir ein Umzug an. Denn was sollte ich allein in unserer Vier-Zimmer-Wohnung? Ein neuer Mann, mit dem ich jetzt sogar verlobt bin, trat fast zeitgleich mit Samuels Auszug in mein Leben. Es kam, wie es kommen musste: Kennenlernen, verlieben, zusammenziehen. Ging alles irgendwie schnell.

 Ich lebe jetzt seit knapp 1,5 Jahren kurz vor der Grenze zu Norderstedt, was immer noch Hamburg ist, aber sich für eine Bergedorferin, was auch zu Hamburg gehört, fast wie auswandern anfühlt. 

Wir wohnen mit zwei Fellnasen, jeder Menge Starwars und Startrek-Kram (know the difference!) und berufsbedingter aufwendiger Influencer-Ausstattung (viel Klamotten, Ringlichter, Kameras und Beauty-Krams) in einem schnuckeligen Haus am Stadtrand.

Zum Inventar gehört außerdem Oma Ringel, die im unteren Bereich des Hauses ihr Zimmer und eine Terrasse hat.

Hey Nana - Carina & Oma Elfriede

Ich bin nicht mehr „omalos“ und das freut mich von Herzen

Ich weiß, dass mag vielleicht für einige eine ungewöhnliche Kombination sein. Das Mehrgenerationen-Haus ist bestimmt eine beängstigende oder gar utopische Vorstellung. 
Gerade in der heutigen Zeit, wo alte Werte vielleicht gar nicht mehr „en vogue“ sind und jede;r so individuell wie möglich leben kann und soll. Es mag aber auch sein, dass ich nicht mehr „omalos“ bin und mich das von Herzen erfreut.
 Mir war klar, dass wenn ich mich für ein gemeinsames Leben mit André entscheide, dann gehört Oma Ringel mit dazu. Sie ist die letzte lebende Verwandte (mütterlicherseits) und auch irgendwie die letzte Verbindung zu Andrés Mutter, die 2005 leider an Krebs verstarb.


Oma Gertrud ist knapp 94 Jahre jung und im Kopf fitter als manch junger Mensch.
 Sie hat Hände, die voller Falten und Lebensgeschichte sind, und dennoch so zerbrechlich und voller Stärke, dass sie mich direkt an die zarten Hände meiner Oma Sophie erinnern.


Gertrud ist vielleicht etwas langsamer und schneller aus der Puste, aber sie macht alles in ihrem Tempo. Unsere Hilfe braucht sie meistens nicht. Sie wäscht ihre Wäsche, was mir jedes Mal Schnappatmung macht, wenn ich sie die Kellertreppe heruntergehen sehe. Nicht auszudenken, was passiert, wenn sie hinfällt. Aber, sie will es so. Diskutieren zwecklos. 
Sie duscht sich allein und legt sich jeden Samstagmorgen die Haare.
 Wir haben es mal mit dem Dyson ausprobiert. Hält aber nicht so gut, sagt Gertrud.
 Sie näht mir meine Knöpfe an oder repariert meine Oberteile. Und dies so feinsäuberlich und akkurat, dass ich echt nur staunen kann. Ja, Gertrud ist aktiv und munter. Nur der Körper will nicht mehr so, wie sie es gerne hätte.


Oft sprechen wir über alte Zeiten und sie holt ihr 200-seitiges Dokument über ihre Heimatstadt in Polen heraus, was vor dem zweiten Weltkrieg noch zu Deutschland gehörte. 
Ich höre jedes Mal, wenn sie spricht, den alten Schmerz heraus, der ganz tief sitzt. Und auch die große Sehnsucht, all die Traumata, die sie als junges Mädchen erlebt haben muss. Psychologische Betreuung, das gab es damals nicht.

Sie erzählt mir von ihren Eltern und Geschwistern und, dass sie ihr Haus und alles Hab und Gut zurücklassen und vor den polnischen Soldaten fliehen mussten.
 Sie wurde gezwungen eine „Nazi-Binde“ zu tragen, damit man weiß, zu wem sie „gehöre“.
 Musste weglaufen, unter freiem Himmel schlafen, hungern, frieren und in Hamburg ganz von vorne anfangen. All das, was Menschen gerade anderswo auch heute noch erleben.


Hey Nana - Carina & Oma Elfriede

Für mich ist ihre Stärke trotz aller Zerbrechlichkeit stets allgegenwertig. 
Sie erinnert mich an meine Omas und daran, dass das Leben gelebt werden muss. Und zwar heute. 
Oma Ringel zeigt mir, wie wichtig es ist, Zeit mit älteren Menschen zu verbringen. Wie bedeutend es ist, von ihnen zu lernen und ihre Ratschläge auch anzunehmen. 
Sie hat mir beigebracht, dass alt werden ein Privileg ist. Was mir nochmal besonders durch den Tod meines 42-jährigen Cousins in diesem Jahr bewusst geworden ist. Nicht jede:r von uns wird alt werden. 


Zu Weihnachten wünscht sie sich wie immer nichts, da sie schon alles habe. Woran wir uns natürlich nicht halten werden. Sie bekommt eine Orchidee aus Lego, weil sie gerne bastelt und dunkle Schokolade, weil die andere ihr zu süß ist. 
Und sie geht mit uns auf große Tour zu meinen Eltern in den Oberharz. Dort war sie zuletzt in den 70ern und sie mochte die Luft damals nicht so. Aber das hat sich heute sicherlich geändert, sagt sie.



Ich habe meine Bonus-Oma sehr lieb und wünsche uns noch viele gemeinsame Jahre.
 Sie ist nicht nur eine Bereicherung für mich, sondern auch eine Uroma für meinen Sohn, und wie eine Mama für meine Mama und meinen Papa.

 Welch schöner Bonus in meinem Leben!




Diese OMAge stammt von Tanja Marfo. Sie hat sich oben ja wunderbar selbst vorgestellt, aber wichtig zu erwähnen ist noch: Tanja, aka @kurvenrausch bei Instagram, setzt sich seit vielen Jahren für Toleranz und Köpervielfalt ein. In der Plus-Size-Szene hat sie viel bewegt und Ende 2022 dann die erste Ausgabe ihres  Magazins „Size Egal” herausgebracht. 

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Angelique & Ingeborg: „Omi, ich bin jetzt vegan”

Angelique & Oma Ingeborg:

„Omi – für mich die beste Köchin der Welt. Also packte ich all meinen Mut zusammen und es platzte aus mir heraus: „Omi, ich bin jetzt vegan!“


Ungefähr drei Monate nach meiner Entscheidung, vegan zu leben, stand der langersehnte Heimatbesuch an. Endlich konnte ich meine Familie wieder in die Arme schließen. Es war also auch an der Zeit, meinen Liebsten von all den Veränderungen und meiner neuen Lebensweise zu berichten. Ich war richtig aufgeregt! Die Beine haben gezittert, und ich habe geschwitzt. Aber wieso eigentlich? Na, weil ich weiß, wie skeptisch ich selbst gewesen war – und bei dem Gedanken daran, meinen Großeltern erklären zu müssen, dass ich von nun an nie wieder ihre Königsberger Klopse, Schnitzel oder sogar den weltbesten Erdbeerkuchen essen würde, wurde mir ziemlich bang.

Omi – für mich die beste Köchin der Welt. Die mich mit all ihren Leckereien verzauberte. Bei ihr wird jeden Tag fleißig gebacken, die ganze Küche riecht immer nach frischem Kuchen. Sobald ich die Treppe zu meinen Großeltern runterlaufe, fühlt es sich allein durch den Geruch immer
sofort wohlig und nach Ankommen an. Und in der Mitte meine Omi, stolz wie Oskar, wenn sie ihren Rezepten die Kirsche auf der Sahnetorte verleihen kann

Ja, da kann man schon mal nervös sein. Wie wird sie reagieren? Was wird sie sagen? Wird sie es verstehen, wenn ich es ihr erkläre? Also packte ich all meinen Mut zusammen und es platzte aus mir heraus: „Omi, ich bin jetzt vegan!“

Hey Nana - Angelique & Ingeborg: „Omi, ich bin jetzt vegan"

Omi guckte irritiert. »Vegan? Was bedeutet das, mein Schatz?«

„Wie soll ich dir das am besten erklären? Also, ich esse keine tierischen Produkte mehr. Also kein Fleisch, keine Eier, keine Milch, keinen Käse.“

„Ach, Kindchen, was soll ich dir denn jetzt noch kochen? Wie kann ich dir denn noch etwas Gutes tun? Ist das denn überhaupt gesund? Dir wird doch so viel fehlen. Dann kann ich dir ja gar nicht mehr deine Lieblings- Zwetschgenknödel machen, oder?“ Sie guckte ganz traurig. Da nahm ich ihre Hand und fing an, es ihr zu erklären.

„Oma, ich habe meiner Gesundheit zuliebe damit angefangen, und es geht mir schon so viel besser. Meine Migräne ist nicht mehr so stark und kommt immer seltener. Außerdem möchte ich nicht, dass Tiere für meinen Genuss leiden müssen. Egal, wie sie gehalten werden. Es ist eben leider nicht mehr wie früher. Da war all das noch etwas Besonderes. Der berühmte Sonntagsbraten etwa. Fleisch war damals etwas Besonderes, etwas, auf das man sich die ganze Woche gefreut hat. Und jetzt? Jetzt ist dieser Wert verloren gegangen.“

Daraufhin überlegte sie. „Ja, da hast du recht. Früher in der Nachkriegszeit kannten wir es gar nicht anders. Da konnten wir uns tierische Produkte nicht leisten und mussten erfinderisch werden. Aus wenig das Bestmögliche rausholen.“

Und auf einmal begann sie, von früher zu erzählen. Ich lauschte ihr lächelnd, wie sie in Erinnerungen schwelgte und immer wieder schmunzeln musste. Und dachte mir nur: Was für eine tolle Omi ich doch habe!

Was Oma über all das denkt

„Omi, ich bin jetzt vegan!“ Das war das Erste, was sie mir bei ihrem Besuch sagte. Natürlich wusste ich zuerst nicht, was ich ihr antworten sollte, und dann dachte ich mir nur: Was kann ich dem Kind denn jetzt noch kochen?! Alles, was sie gerne bei mir aß, war mit Zu taten wie Eiern, Butter oder Milch gebacken oder gekocht. „Oje“, dachte ich, „jetzt bist du 72 Jahre und sollst noch mal neu kochen lernen.“

Da fiel mir auf einmal meine Mutter ein, die mir vieles gezeigt und nach dem Krieg mit wenig Zutaten immer etwas Leckeres auf den Tisch gebracht hatte. Wir hatten damals einen großen Garten, wo jedes Jahr viel Gemüse und etliche Kräuter gezogen wurden. Einen Apfel- und Kirschbaum gab es auch. Den Sommer über konnten wir ernten, und für den Winter wurde eingekocht. Schon als Kind habe ich gewusst, wie man Marmelade und Apfelmus macht, auch heute noch mache ich das selbst.

Es tut mir immer sehr weh, wenn ich das viele Obst sehe, das nicht gepflückt wird oder auf dem Boden liegen bleibt. Und all das, was meine Mutter mir früher
gezeigt hat, war meist ohne tierische Produkte zubereitet, da sie einfach sehr teuer waren und wir uns das nicht leisten konnten.

Wie habe ich es doch geliebt, wenn es Kohlrabi-Schnitzel mit Kartoffeln gab! Alles frisch aus unserem Garten und – ja, auch pflanzlich. Wir hatten damals nur den Begriff „vegan“ noch nicht. Aber vom Prinzip her genau das Gleiche. Und uns hat als Kindern auch nichts gefehlt. Wir sind gesund und munter gewesen.

Wie sollte das heutzutage anders sein?, frage ich mich. Selbst heute habe ich noch einen kleinen Garten und versuche immer, das Wichtigste anzupflanzen oder zu säen. Viel Salat, Kohlrabi, Karotten, Zwiebeln, Tomaten, Zucchini, Sellerie und natürlich viele Kräuter. Da ich Enkelkinder und Urenkel habe, die öfter bei mir essen, koche ich viele Suppen damit, die sie alle lieben. Dazu brauche ich kein Fleisch, aber viel Gemüse. Also warf ich alle meine ersten Sorgen über Bord und habe mich einfach immer mehr mit der veganen Ernährung auseinandergesetzt. Als Angie wieder zurück nach Berlin gefahren war, begann ich, beim Kochen und Backen Neues beziehungsweise „Altes“ auszuprobieren.

Und stellte fest: Es ist tatsächlich gar nicht schwer, und ich habe so viel Freude daran! Jedes Mal, wenn sie mich besuchen kam, tüftelten wir gemeinsam an veganen Kreationen wie ihren allerliebsten Aprikosenknödeln mit Zucker und goldbraun geschmolzener Margarine. Mittlerweile gibt es immer viel Veganes, wenn mein Enkelkind zu Besuch kommt. Genauso wie an Familienfeiern. Und alle lieben es. Denn es schmeckt genauso wie vorher – und gesünder ist es obendrein. Hach, ich koche und backe für mein Leben gerne!

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, wie meine Liebe zum Kochen entstand, muss ich immer schmunzeln. Meine Mutter hat mir damals zwei Ziegelsteine in den Garten nebeneinandergestellt, einen alten Ofenrost und einen Aluminiumtopf darauf. So habe ich für die Nachbarskinder immer Suppe und Pudding gekocht.

Heute sind die Nachbarskinder auch schon fast 70 Jahre, aber keiner von ihnen hat diese schöne Zeit vergessen, wie ich sie bekocht habe und was wir für einen Spaß zusammen hatten. Ja, diese Liebe zum Essen ist heute immer noch genauso stark.

Hey Nana - Angelique & Ingeborg: „Omi, ich bin jetzt vegan"

Diese OMAge stammt von Angelique Vochezer. Genau genommen aus dem Buch „Omi, ich bin jetzt vegan”, das im Verlag Allegria erschien. @angeliquelini steht für eine junge Generation, die verantwortungs-, umweltbewusst und gesund genießen möchte. Ihre Oma Ingeborg Teßmann hat die Gerichte aus der Kindheit in vegan übersetzt. Sie liebte das Kochen schon immer und führte jahrelang selber ein eigenes Restaurant. Sie mag zwar immernoch einen gescheiten Sonntagsbraten, aber für Ihre Enkelin hat sie sich auf das „Abenteuer vegan“ eingelassen.

Hey Nana - Angelique & Ingeborg: „Omi, ich bin jetzt vegan"

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Şeniz Tiryaki über Omas Rolle im Kurzfilm „Diaspora”

Kurzfilm „Diaspora” – nicht ohne meine Oma

„Anneanne bedeutete für mich schon immer einfach nur Frieden”


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„Diaspora” ist ein Kurzfilm, bei dem es um das Leben und Aufwachsen zwischen zwei Kulturen geht. Der persönliche Struggle, der Alltagsrassismus – aber auch die Bereicherung, die man erfährt, wenn man multikulturell aufwächst. Meine Gedanken dazu habe ich in einem Gedicht formuliert und dieses schließlich mit Hilfe dieses Kurzfilms untermauert. Ein wichtiger und bedeutender Teil in dem Kurzfilm ist das Gespräch mit meiner Oma. Am Anfang des Filmes reden meine Oma und ich darüber, dass ich mich nirgendwo so fühle wie bei ihr. Dieser Teil des Filmes ist vor allem für mich sehr emotional und wichtig, da er meine Gefühle so echt widerspiegelt.

Meine Oma bedeutete für mich schon immer einfach nur Frieden. Sie war der Safe Space meiner Kindheit. Ich war in meiner Kindheit fast jeden Tag bei ihr. Als ich krank war, war ich bei ihr. Hatte ich Sorgen, war ich bei ihr. Zudem bewundere ich meine Oma unglaublich für alles, was sie geschafft hat. Sie ist allein als junge Frau nach Deutschland gezogen und hat seit dem ersten Tag an hart gearbeitet. Ohne jemals in der Schule gewesen zu sein, ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können und nur mit einem Koffer hat sie ein ganzes Leben in ihrer Heimat zurückgelassen, damit wir es besser haben können. Sie schuftete auf Spargelfeldern, hatte mehrere Jobs an einem Tag und war einfach eine Macherin. Sie konnte aus ein paar D-Mark und Ehrgeiz so viel schaffen.

Und dazu ist sie auch noch eine coole Oma. 

Diese OMAge stammt von Şeniz Tiryaki aus Bremen. Der Kurzfilm ist im Rahmen des TLNT&TLNT Mentoring Programms gemeinsam mit Mentorin Bianca Raeddler entstanden.

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Lena & Oma Hedi: Eine Frau, ihr Fahrrad und ihre knallrosa Jacke, die jeder und jede im Dorf kennt

Lena & Oma Hedi

Eine Frau, ihr Fahrrad und ihre knallrosa Jacke, die jeder und jede im Dorf kennt.


Oma, Opa, Mama & Lena – das war lange meine Vorstellung von Familienleben: Wir vier, eine Wohlfühloase. Meine Omi und mein Opi sind von je her ein fester und mit der wichtigste Bestandteil in meinem Leben. Ich bin so dankbar beide noch heute an meiner Seite zu haben. Oma und Opa, die beiden gibt’s für mich – zumindest in meinem Kopf – auch fast nur im Doppelpack und doch beide mit einer ganz unterschiedlichen Rolle in meinem Leben. Meine Omi, die moderne, warmherzige 82-Jährige. Eine Frau, ihr Fahrrad und ihre knallrosa Jacke, die jeder und jede im Dorf kennt. Wenn wir früher zu zweit auf dem Rad – erst ich bei ihr auf dem Gepäckträger, dann irgendwann mit meinen eigenen Rad – durch die Straßen unseres Dorfs gefahren sind, kam oft der Satz:

Hey Nana - Carina & Oma Elfriede

 „Ah Hedi, is des doi kleeni Lena?“

Ja, Hedis kleine Lena, die nach der Schule immer gern zu Omi nach Hause ist, die sich auf warmes Mittagessen bei Oma gefreut hat und die von Oma Hedi viel gelernt hat: Selbstlosigkeit, Liebe, mit 82 noch gefühlt Anfang 70 zu sein, aber auch die ständige Sorge, dass es den Liebsten nicht gut genug geht.

Oma Hedi setzt heute noch alles daran, dass es uns immer irgendwie gut geht und würde selbst immer zurückstecken, bevor es anderen nicht gut geht. Auf der einen Seite bewundere ich diese Selbstlosigkeit, auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass sie sich selbst mehr Gönnen würde und sei es nur sich einmal in der Woche ‘nen großen Becher Eis.

Nie werde ich die stolzen Blicke meiner Omi vergessen: Sei es bei einer meiner Theateraufführungen, sei es bei meiner Bachelorverleihung als sie Tränen in den Augen hatte, sei es, als sie stolz im ganzen Dorf erzählt hat, dass meine erste Doku im Fernsehen läuft oder einfach nur bei einer meiner zahllosen Aufführungen im Wohnzimmer stolz klatschte. Dieser Blick und diese Liebe hat sich fest in meinem Kopf eingebrannt.

Ich bin mit meiner Oma – und natürlich auch meinem Opa und meiner Alleinerziehenden Mama – groß geworden und habe von allen so unfassbar viel Liebe erfahren. Wir vier, wir sind schon immer ein gutes Team gewesen und trotzdem habe ich oft ein schlechtes Gewissen, dass ich insbesondere Oma und Opa ihre bedingungslose Liebe gar nicht so zurückgeben kann. Primär, weil ich nicht mehr zu Hause in unserem kleinen Ort lebe und es irgendwie nicht öfter als einmal im Monat nach Hause schaffe und gerade von Oma weiß, dass sie sich das wünschen würde.

Trotzdem ist meine Liebe unendlich und ich hoffe, dass sie weiß, dass es nichts mit fehlender Liebe, sondern einfach mit Veränderungen und anderen Lebensmittelpunkten zu tun hat. Denn im Inneren bin ich immer noch die kleine, sommersprossige Lena, die bei Oma auf dem Schoß sitzt und mit ihr ihre Lieblingssendung „Wer wird Millionär“ schaut oder die Teenagerin Lena, die von Oma mit dem Auto mal auf einer Party abgeholt wurde – ja, weil meine Oma a.) einfach cool war und mich nachts abgeholt hat und b.) ja, weil sie selbstlos war/ist und Angst gehabt hätte, wenn sie’s nicht getan hätte.

Hey Nana - Carina & Oma Elfriede

Ich habe von meiner Omi viel gelernt und ich hoffe, dass sie das weiß und auch, wie dankbar ich bin, dass sie meine Mami und mich immer unterstützt hat und noch heute tut!


Diese OMAge stammt von Lena Nagel. Sie lebt in Mainz und arbeitet als Redakteurin bei Finally.Studio. Lena hat im Juni 2022 ihre ersten Doku-Beiträge „Programmierte Ungerechtigkeit” und „Liebe, Macht und Metaverse“ fürs zdf veröffentlicht. Klar, da ist Oma Hedi da so richtig stolz!

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